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Närrisch im Fasching, in Fastnacht oder Karneval

Närrisch im Fasching, in Fastnacht oder Karneval Wo die „tollen Tage” ihren Ursprung haben

Wenn die Narren toben, dann ist die Faschings-, Fastnacht- oder Karnevalszeit. Im engeren Sinn umfasst sie sechs Tage: von Donnerstag vor Fastnachtssonntag (schmotziger Donnerstag, Weiberfastnacht) bis Fastnachtsdienstag. Diese Tage der Ausgelassenheit und des Feierns beziehen ihren Sinn von der ab Aschermittwoch folgenden Fastenzeit. Während die Fastenzeit eine Zeit des Geistes und der Vorbereitung auf Leiden, Sterben und Auferstehung Christi ist, spielt die Fastnacht vor dem Schwellentag „Aschermittwoch” sprichwörtlich verrückt. Die Fastnacht ist spielerisch die Gegenzeit zur Fastenzeit: eine Zeit der Diesseitsorientierung und des Fleischlichen. Der Gläubige erfährt im Spiel an sich selbst, wie närrisch die Rolle des Gottesleugners und dann der Narren ist, indem er tatsächlich in die Maske der Gottesfeinde schlüpft, z. B. als Teufel oder Hexe. Die Ausgelassenheit dieser Feiertage hatten ihren realen Hintergrund auch in den früheren strengen Fastenregeln. Fett, Fleisch und Laktizinien (Milch, Butter, Käse usw.) waren in der Fastenzeit tabu und mussten aus der Küche verschwinden.

An den Fastnachttagen tobt dort, wo es ihn gibt, der Straßenkarneval. Als Karnevalssession oder als Zeit für Karnevalssitzungen und Maskenbälle gilt die Zeit von Dreikönige (6. Januar) an. Hier wirkt das alte Bohnenfest des Bohnenkönigs nach, der am Dreikönigstag durch die Bohne im Königskuchen bestimmt wurde. Im Rheinland ist der 6. Januar bis heute Auftakt der jeweiligen Session. Der 11.11. (Elfter im Elften) als närrischer Starttermin hat zwar für sich den Vorteil, dass die Zahl Elf seit Jahrhunderten als Narrenzahl gilt, im 19. Jahrhundert bei der romantischen Karnevalsreform neu entdeckt wurde und Eingang in das Brauchtum (Elferrat) fand. Der 11.11. als Karnevalsauftakt hat sich aber erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ergeben.

Wenn im Zusammenhang mit der Fastnacht von den drei tollen Tagen die Rede ist, dann sind damit die drei Tage gemeint, an denen vor dem 19. Jahrhundert gefeiert wurde: der „kleine Fastabend” (heute Weiberfastnacht), der „große Fastabend” am Sonntag und der eigentliche Fast(en)abend, der Vorabend des ersten Fastentages, der Fastnachtsdienstag. Der sogenannte Rosenmontag kam als vierter toller Tag erst nach 1823 hinzu, als in Köln der Rosenmontagszug eingeführt wurde. Aus den drei tollen Tagen sind seit dem 19. Jahrhundert wenigstens vier geworden.

Die ehemalige (und gegenwärtige) Bedeutung der Fastnachtszeit läßt sich allein schon an der Fülle der Begriffe erkennen, mit denen die einzelnen Tage gekennzeichnet werden. Die gesamten Fastnachtstage von Donnerstag vor dem Fastensonntag bis Dienstag danach bezeichnete man als: Bacchanalia, carnelevamen, Dorendage, Fastelabend. Der Donnerstag vor dem Fastnachtssonntag, im Rheinland Weiberfastnacht bezeichnet, heißt: Dorendonderdach, feister phinztag, gumpiger donstag, kleine fastnacht (Oberrhn.), fetter Donnerstag, schwerer Donnerstag (Rhld.), Semperstag, tumbe fassnacht, unsinniger Donnerstag, Weiberdonnerstag, wuetig Donnerstag, Wuscheltag (Basel), zemperstag, zimpertag. Am Freitag vor Estomihi wurde früher keine Fastnacht gefeiert. Als Gedächtnistag des Todes Jesu stand er nicht zur Disposition, weshalb es für diesen Tag auch keine althergebrachten Bezeichnungen gibt. Auch der Samstag vor dem Fastnachtssonntag wurde nicht für Fastnachtfeierlichkeiten genutzt. Er wird als Vorabend der Fastnacht „groten fastelavendsavend” oder „schmalziger Samstag” bezeichnet.

Der Fastnachtssonntag oder Sonntag Estomihi, der 7. Sonntag vor Ostern oder Quinquagesima, wird bezeichnet als: carnisprivium clericorum, Großfastabend, Herrenfastnacht, Narrenkirchweihtag, ndl. papenvastelavend, Pfaffenfassnacht, Quintana [da Ev. von den fünf Broten], Rinnensonntag, Schutteldach (Aachen). Der Montag nach Estomihi hat als Rosenmontag seine heutige Bedeutung erst im 19. Jahrhundert mit der Einführung des Rosenmontagszuges gewonnen. Aber auch in der Vergangenheit wurde an diesem Tag Karneval gefeiert, wie einige alte Namen des Tages belegen: dies Lune salax, d. pingues, Fassnachtabend Montag zuvor, Frassmaendag, geiler Montag, kleiner Fastelavent (Niederrh.), Ruckerstag (Frankfurt). Der Dienstag nach Estomihi zählte früher zu den drei tollen Tagen, dementsprechend finden sich Bezeichnungen für diesen Tag in verschiedenen Nationen: Shrove Tuesday (Engl.), Smörtisdag (Skand.), Marci gras (Frkr.), Kleiner fastelavent (Ndl.), junge Fassnacht (Schweiz). Andere Namen: Bauernfastnacht, carnisprivium novum, dies pingues, Faschang, Faschangtag, fasching, fassangus, Fassnacht, fassnachtfeiertag, fetter Dienstag, feister Zinstag, frassgerdag, gemeine Fastnacht, Grüne Fassnacht, Letzte Fassnacht, letzter Fastelavand, rechte fassnacht, vassangtag, vastnacht.

Als die Synode von Benevent 1091 die Sonntage in der Fastenzeit als Gedächtnistage der Auferstehung Jesu vom Fasten ausnahm, rückte deshalb der Beginn der Fastenzeit um 6 (Wochen-) Tage vor. Die Fastnacht endet seitdem am Dienstag nach dem 7. Sonntag vor Ostern (Estomihi) und die Fastenzeit beginnt mit dem folgenden Mittwoch, dem Aschermittwoch. Jene, die ihre Fastnacht nach der alten Fastenordnung vor der Regelung in Benevent (1091) feiern, begehen die Alte Fastnacht (auch: Bauernfastnacht), die immer in die geltende Fastenzeit fällt. Zum Unterschied von der Alten Fastnacht wurde der der neuen Fastenordnung entsprechende neue Fastnachtstermin Herrenfastnacht genannt. Vor allem am Oberrhein konnte sich diese Neuordnung nicht gegen die ältere Tradtion durchsetzen. In Basel, Baden und in Teilen des Markgräflerlandes hielt man an der „alten Fastnacht” als „Bauernfastnacht” zum alten Termin gegenüber der „Herrenfastnacht” am neuen Termin fest. Bis heute beginnt in diesen Gebieten die Fastnachtszeit erst, wenn andernorts bereits die Fastenzeit begonnen hat. Die Alte Fastnacht war oft auch eine protestantische Demonstration gegen die „katholische” Fastenzeit. Die Alte Fastnacht ist geradezu sprichwörtlich geworden: Wer zu spät kommt, kommt hinterher wie die alte Fastnacht. Wer ein schlechter Zahler ist, weil er immer auf die Zukunft vertröstet, für den fällt die Fastnacht immer spät.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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