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Wie Ostern zu seinem Namen kam

Das Heilige Grab - Nachfolge im Schatten des Kreuzes

Ein altes Kirchenlied besingt den heilgeschichtlichen Hintergrund des Karsmstags:

„Ach, so ist denn Jesus tot
nach so vieler Qual und Not!
Ohne Schönheit und Gestalt
liegt im Grabe starr und kalt
Jesus, der Gekreuzigte!

Seele, sieh den Bräutigam,
der zu dir vom Himmel kam,
der dich liebte bis ins Grab,
dir sein Blut und Leben gab,
Jesus, der Gekreuzigte!

Denke, was sein Herz empfand,
als die letzte Kraft ihm schwand,
als er dürstend, lechzend hing
und im Sterben dich umfing,
Jesus, der Gekreuzigte!

Nun aus stiller Grabesruh
ruft dir seine Liebe zu:
Bis zum Tode sei getreu,
daß dich ewig einst erfreu
Jesus, der Gekreuzigte!

Engel, kommt und weint mit mir!
All mein Leben ruhet hier.
Schließt mich in die Wunden ein,
meine Liebe bleibt allein,
Jesus, der Gekreuzigte.

Auferstehn, ja, Auferstehn,
ewger Liebe Wiedersehn!
Dieser Hoffnung festes Band
reicht im Grab zum Unterpfand
Jesus, der Gekreuzigte.”

[Exsultemus Domino. Katholische Kirchengesänge. St. Gabriel _1931, 100]

Dieser „Grabgesang” findet sich in einem Liederbuch der Steyler Missionsgesellschaft von 1925 . Er beschreibt, nach Anweisung „traurig” zu singen, das Empfinden der Christen angesichts der Grabesruhe Christi.

Die Grabesruhe Christi hatte ihren liturgischen Ort: Wenn am Karfreitag nach der Kreuzverehrung und der Kommunionfeier der Hauptalter abgeräumt wurde, legte man das Altarkreuz oder auch nur den Korpus des Kreuzes in ein Heiliges Grab, das an einem Nebenaltar oder in einer Seitenkapelle errichtet worden war. Der Gemeinde wurde sprichwörtlich vor Augen gestellt, dass Jesu geschändeter Leib wie ohne jede Hoffnung im Grabe lag: ein Gescheiterter und Verlassener - einer wie wir Menschen. Die Monstranz im oder am Grab und eine brennende Kerze waren meist die einzigen Hinweise darauf, dass dieses Grab für Christus keine letzte Ruhestätte sein würde.

In Süddeutschland gehörten seit dem 12. Jahrhundert aufgesteckte bunte Glaskugeln zum Heiligen Grab. Die aus venezianischen Glashütten stammenden Kugeln galten als Sonnen- und Glücksymbol. Die farbigen oder mit gefärbtem Wasser gefüllten Glaskugeln wurden durch hinter ihnen angebrachte Öllämpchen erleuchtet. Das flackernde Licht verlieh der Grabszene eine geheimnisumwitterte Atmosphäre. Heute findet man die bunten Glaskugeln fast nur noch in süddeutschen Gärten.

Das Heilige Grab sieht man heute nicht mehr in vielen Kirchen, weder das temporäre von Karfreitagnachmittag bis zur Osternacht, noch figürliche oder gar bildliche Darstellungen davon. Die Aufklärung hat ganze Arbeit geleistet, leider bis in das aktuelle deutschsprachige Gebet- und Gesangbuch hinein. Hier heißt es zwar für Karsamstag: „Die Kirche weilt betrachtend am Grab Christi. Sie sinnt nach über das Geheimnis seines Leidens und Sterbens.” Gemeint ist aber nur die geistige Betrachtung eines in der Phantasie vorzustellenden Grabes. In den meisten Kirche gibt es kein Heiliges Grab mehr, passende Texte oder Lieder fehlen dementsprechend im Gebetbuch.

Neben dem Geburts- und Hinrichtungsort hat keine Stelle die Christen im Heiligen Land mehr fasziniert als das reale Grab Jesu. Es ist der Ort, an dem sich das zentrale und alles entscheidende Geschehen um Jesus ereignet hat: die Auferstehung. Zwischen 327 und 335 wurde über der vermuteten Grabstätte ein Grabbau auf quadratischem Grundriss mit rundem Obergeschoss errichtet. Um 350 wurden eine offene Laterne, um 450 ein Vorraum, 550 über dem Grabbau ein Baldachin hinzugefügt. Die Anastasis (byzantinische Bezeichnung für die Höllenfahrt Jesu) über dem Grab war nach Cyrill 347 schon vorhanden. Nach mehrfachen Zerstörungen und Wiederherstellungen entstand 1099 der Kreuzfahrerbau.

Die liturgische Vergegenwärtigung des Heiligen Grabes hatte sich schon im 4. Jahrhundert entwickelt. Ende des 10. Jahrhunderts beschreibt die „Concordia regularis” des hl. Dunstan die von Jerusalem übernommene Kreuzverehrung am Karfreitag. Zum Schluss der Feier wurde das Kreuz in einer grabartigen Höhle am Altar niedergelegt. Die restlichen geweihten Hostien „begrub” man mit dem Kreuz. Diese Sitte führte zur Entstehung der Hostienhöhle im Korpus des Kruzifixus bzw. eines verschließbaren Kästchens im Sockel. Im Mittelalter dagegen wurde die Hostie im Grab verschlossen oder im Kelch ausgestellt. Die Jesuiten entwickelten dann seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den Brauch, die verhüllte Monstranz im Grab aus zu setzen. Weil die Grabesruhe Jesu auf 40 Stunden berechnet wurde - von Karfreitag 15 Uhr bis Ostersonntagmorgen 7 Uhr ergeben sich 9 + 24 + 7 = 40 Stunden - , entwickelte sich am Heiligen Grab das „Vierzigstündige Gebet”, das von der Kathedralkirche dann auf die Pfarrkirchen übersprang und sich dort als „Ewiges Gebet” fortsetzte. Die Bezeichnung „Ewiges Gebet” hat sich für die ganzjährige diözesane Gebetskette durchgesetzt; die Bezeichnung „Vierzigstündiges Gebet” hört und liest man fast nicht mehr.

Grabesruhe Christi. Unbekannter Maler, 17. Jh., Öl auf Holz, Privatbesitz (Foto: PEK / Bernhard Matthäi)

Aus den österlichen Wechselgesängen entstanden im 10. Jahrhundert szenische Darstellungen, die im 13. Jahrhundert dramatisiert wurden. Unsere leseunkundigen Vorfahren verinnerlichten durch Singen und Nachsprechen, durch Bildbetrachtung und szenisches Spiel. Mit letzterem war aber auch die Lust am Effekt verbunden, der dazu führte, dass diese Art von Passions- und Osterspielen aus der Liturgie gelöst und aus dem Kirchenraum genommen werden mussten. Zu eben diesem Zeitpunkt entsteht die monumentale Heilig-Grab-Gruppe, deren Details vielfach mit den theatralischen Darbietungen verknüpft sind. Beispiele für diesen Typus gibt es noch mancherorts, z.B. neben dem Nordportal von der Stiftskirche St. Lambertus in Düsseldorf.

Historisch gesehen bilden die architektonischen Nachbauten des Heiligen Grabes die älteste künstlerisch gestaltete Aufnahme des Themas. Jerusalempilger bauten sie nach ihrer glücklichen Heimkehr in Erinnerung an ihre Pilgerreise oder zur Unterbringung von mitgebrachten Reliquien. Das älteste bekannte Beispiel ist S. Stefano in Bologna, 431-450, in Deutschland ist die Michaelskapelle in Fulda, 822 geweiht, die älteste erhaltene Heilig-Grab-Kirche. Nachbauten en miniature in Form von Schreinen wie z.B. der von Sénanque standen tabernakelartig auf dem Altar und wurden zu den Vorläufern spätgotischer Sakramentshäuser.

Als das älteste erhaltene Heilig-Grab-Monument gilt eine Ädikula (lat. Häuschen; Aufbau für die Aufstellung einer Statue, Grabgebäude) aus dem 5. Jahrhundert in Narbonne. In Deutschland gilt das Heilige Grab der Stiftskirche Gernrode, 1120, als das älteste; es zeigt eine durch Figuren erweiterte Grabkammer. Besonders bekannte Beispiele finden sich in der Kapuzinerkirche in Eichstätt; Klein-Jerusalem in Willich-Neersen (zwischen Neuss, Mönchengladbach und Krefeld), ab 1654 gebaut; Erlöserkapelle in Wiesbaum-Mirbach bei Stadtkyll in der Eifel; Heiliges Grab in Denkendorf bei Esslingen. Das Görlitzer Heilige Grab wurde 1489 fertiggestellt; als „schlesisches Jerusalem” gilt Albendorf in der Grafschaft Glatz, das heute zu Polen gehört; seit fast 900 Jahren pilgern die Christen zur Kreuzkapelle an den Externsteinen im Lipper Land. Auch in der Bonner Kreuzbergkapelle befindet sich ein Heiliges Grab. Hier findet sich auch noch eine „Heilige Stiege”, die seit dem Spätmittelalter als Treppe des Jerusalemer Pilatuspalastes in Rom und andernorts verehrt wird.

Im Mittelalter setzt sich zunehmend der Brauch durch, statt des Kreuzes mit Korpus nur noch das Holzbild des Leichnams zu begraben. Das Heilige Grab bestand entweder temporär bei einem Altar oder im Kirchenraum, stand in Stein als Monumentalplastik frei im Raum oder in einer Nische oder war fahrbar als Holzschrein mit plastischem Leichnam - dies scheint typisch für Zisterzienserinnenklöster gewesen zu sein.

Der Barock entwickelt die mittelalterlichen Formen vor allem in Süddeutschland und den Alpenländern weiter. Das Heilige Grab wurde mit Triumphbögen versehen, geriet zunehmend zu einer Art pomphafter Theaterkulisse oder Funeraldekoration, einem „spectaculum sacrum” (Prag 1559, Olmütz 1570, Innsbruck 1572, Rom 1672, Beromünster 1771). Daneben entstanden schlichte Formen: eine Nische im Antependium eines Seitenaltares mit einem plastischen Leichnam, der ganzjährig zu sehen war (Roggenburg, Schwaben), oder das während des Jahres in einem Schrank verschlossene Expositorium für das Allerheiligste (Raitenhaslach, Oberbayern).

Bildliche Darstellungen des Heiligen Grabes mit dem Motiv der Grabesruhe Christi, zumal für den Gebrauch außerhalb des Kirchenraumes, sind als Gemälde kaum bekannt und äußerst selten. Kupfer-, Stahlstich und farbige Chromolithografien des 19. und 20. Jahrhunderts haben aber das Thema - nicht immer zu seinem Vorteil - aufgenommen.

Christus von Engeln betrauert. Stahlstich 1874, gestochen von Friedrich August Ludy nach einem Bild von Andrea Mantegna. Verein zur Verbreitung religiöser Bilder in Düsseldorf. (Foto: PEK / Bernhard Matthäi)

Zu diesem Zeitpunkt waren diese Abbildungen schon ein unvollkommener Ersatz für die vielen unersetzlichen Verluste, die die Aufklärung der Kirche gebracht hatte. Der „Kirchenfeger” Joseph II. dekretierte z. B. 1782, „dass aller übermäßige, dem Geist der Kirche nicht angemessene Aufputz, Prunk und Beleuchtung in den Kirchen sowohl als Kapellen abgeschafft werden” müsse, was das Brixener Konsistorium - und nicht nur dieses - eilfertig „in vollem Maße auf die nächst eintreffender Char-Woche in den Kirchen und Kapellen zu errichtenden Gräber” bezog.

„Während der Zeit der Grabesruhe des Herrn finden sich die Gläubigen am heiligen Grabe ein, um sich in stiller Betrachtung in das Geheimnis des Erlöserleidens zu versenken, dem Herrn für Seine erbarmende Liebe zu danken und von Ihm die Früchte der Erlösung zu erflehen”, heißt es in einem Gebetbuch der letzten Kriegszeit (Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Berlin”, 1940). Auch hier ist kein weiterer Text angeboten. Ältere Gebetbücher enthielten vielfach meditative Texte, die „Beim Besuche des heiligen Grabes” gelesen werden konnten. „Die christliche Hausmagd”, ein in zahlreichen Auflagen seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreitetes Gebetbuch für weibliches Hauspersonal - ein Beleg für zielgruppenorientierte Pastoral auch in dieser Zeit - schrieb in einer Ausgabe von 1890:

„Ach endlich, Dulder, findest Du,
Ein stilles Grab zu deiner Ruh’,
Das nach der Noth, die dich gedrückt,
Mit süßem Schlummer dich erquickt!”

Der nachfolgende Text aus dem gleichen Gebetbuch setzt verschiedene Gärten miteinander in Beziehung: den Garten, in dem Jesu Leiden begann (Getsemani auf dem Ölberg) mit dem Garten des Grabes (Garten des Josef aus Arimathäa bei Golgota), den Garten des Paradieses, in dem die erste Sünde begangen wurde, mit dem Himmelsgarten des ewigen Lebens, den die Erlösungstat Jesu öffnet:

„In einem Garten begann dein Leiden, o mein Jesus,
und in einem Garten wird dein Leiden beschlossen;
in derselben Weise befreitest du uns von der Sünde,
welche im Garten des Paradieses war begangen worden,
und führtest uns nun durch deinen Opfertod
in den Himmelsgarten des ewigen Lebens!”

Ein anderes populäres Gebetbuch des 19. Jahrhunderts (Brod der Engel. Dülmen 161893) formuliert: „Segne, göttlicher Erlöser, durch deine Grabesruhe auch meinen Tod und mein Grab: Du hast dem Tode den Stachel und dem Grabe den Schauder genommen. Ich will sterben, weil Du gestorben bist, ich will meinen Leib der Verwesung hingeben, weil ich die sichere Hoffnung habe, dass das Grab nicht der ewige Aufenthaltsort, sondern nur ein einstweiliger Ruheort für meinen sterblichen Theil ist.” Der Tod Jesu nicht nur als Durchgangsphase auf dem Weg zur Erlösung, sondern auch als Muster meines eigenen Todes.

Ob in einer Zeit, die das eigene Sterben und die Unausweichlichkeit des je persönlichen Todes geradezu fanatisch tabuisiert, das Heilige Grab wieder eine Chance in der Karwochen-Liturgie bekommt? Die Mystiker aller Zeiten haben - wie Angelus Silesius (1624 - 1677) - lebenslänglich eine „ars moriendi”, die „Kunst des (richtigen) Sterbens” entwickelt und gewusst, dass „Nichts lebt ohne Sterben”:

„Gott selber, wenn er dir will leben, muß er sterben!
Wie denkst du ohne Tod sein Leben zu ererben?”
(Cherubinischer Wandersmann. Zürich 1986)

Der eigene Tod ist unausweichlich, ein jeder steht mit einem Fuß schon in seinem Grab. Silesius vermag auch dies zu verinnerlichen, wenn er über „Die ewige Ruhestätte” schreibt:

„Es mag ein andrer sich um sein Begräbnis kränken
Und seinen Madensack mit stolzem Bau bedenken!
Ich sorge nicht dafür: mein Grab, mein Fels und Schrein,
In dem ich ewig ruh, solls Herze Jesu sein.”
(Ebd.)

Das Heilige Grab fehlt heute nicht nur in der Liturgie der Karwoche, es fehlt auch als Merkposten gegen den Zeitgeist, der uns eine immerwährende Gegenwart vorgaukelt.

Das Brot des Himmels. Französisches Gebetbuchbild, ca. 18./19. Jh.. Der Stich stellt die Parallelen zwischen dem neugeborenen und dem gestorbenen Jesus heraus: Kreuz = Krippe, Windel = Leichentuch, Rosen = Nägel usw. (Foto: PEK / Bernhard Matthäi)
© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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