Pfeile
Frühjahr
Religiöses Brauchtum
Sommer
Herbst
Winter
Lichtmess-Darstellung des Herrn

Vom Spinnen und von Kerzen, dem Vielliebchentag und dem Lichtblaumontag: Lichtmess – Darstellung des Herrn

Das mosaische Gesetz schrieb vor, ein neugeborenes Kind innerhalb einer bestimmten Frist in den Tempel zu bringen (vgl. Ex 13, 11 - 16; Lev 12, 1 - 8; Jes 8, 14 - 15; 42, 6). Jesus kommt nicht nur dieser Vorschrift nach, wenn er in den Tempel gebracht wird, sondern er ist auch der Herr des Tempels (vgl. Mal 3), der in sein Eigentum kommt. Als solcher wird er vom greisen Simeon und der Prophetin Hanna erkannt und bezeichnet (vgl. Lk 2, 22 - 40). In der Ostkirche verstand man den Festanlass als „Fest der Begegnung des Herrn”: Der Messias kommt in seinen Tempel und begegnet symbolisch dem Gottesvolk des Alten Bundes. Im Westen wurde es mehr ein Fest Mariens: „Reinigung Marias” nach den mosaischen Vorschriften. Seit Anfang des 5. Jahrhunderts wurde in Jerusalem dieses Fest am 40. Tag nach der Geburt Jesu gefeiert. In Rom führte man dieses Fest um 650 ein. Kerzenweihe und Lichterprozession kamen erst später hinzu, wodurch sich der Name Maria Lichtmess einbürgerte. Das hatte seinen Grund darin, dass an diesem Tag die für das nächste Jahr benötigten Kerzen der Kirchen und der Familien geweiht wurden, weshalb Wachsmärkte, eben Licht(er)messen, durchgeführt wurden.

Christus selbst hat sich als das Licht der Welt definiert (Joh 8, 12). Das Johannes-Evangelium ist ganz wesentlich durch diese Lichtsymbolik geprägt. Christus als aufgehende Sonne, als derjenige, der Licht ins Dunkel bringt, nimmt uralte Metaphern auf, die schon für Jahwe gegolten haben: Als Feuersäule beschützt Gott die Israeliten beim Auszug aus Ägypten, im brennenden Dornbusch begegnet Gott dem Moses. Die Verklärten strahlen laut Bibel ein überirdisch helles Licht aus. Das Licht ist erstens eine Metapher der Nächstenliebe und zweitens der Vorsicht und Erwartung: Vor allem Kerzen symbolisieren die Nächstenliebe, weil sie Licht und Wärme spenden und sich selbst dabei für andere verbrauchen. Im Gleichnis von den Klugen Jungfrauen (Mt 25, 1 - 13) versinnbildlicht die brennende Laterne die ständige Bereitschaft, die permanente Erwartung des Herrn.

Noch einmal kommt an Lichtmess die weihnachtliche Lichtsymbolik zur Geltung: In der Kirche fand eine Lichterprozession statt und eine Kerzenweihe. Das Licht hatte in einer Zeit, als die Kerze der normale Lichtspender war, nicht nur die vordergründige Bedeutung von Helligkeit, sondern symbolisch auch von Reinheit. Nach jüdischer Tradition steht das Kerzenlicht für Körper und Seele. Die Flamme ist die Seele, weil sie immer nach oben strebt. Kerze und Flamme zusammen versinnbildlichen den Menschen. Die Begründung sehen Juden in Sprüche 20,27: Die Seele des Menschen (hebr. neschama, auch: Geist, Atem) sei als Licht des Herrn (hebr. ner, Lampe, Leuchte) zu verstehen. Von hier versteht sich auch das christliche Kerzenopfer, das Aufstellen einer Kerze zur Verehrung Gottes oder eines Heiligen: Die Kerze steht sinnbildlich für den Beter. Ihre Farbe kann auf den Spender oder auf den Zweck verweisen: Weiße Kerzen stehen für Männer, rote für Frauen, schwarze Kerzen waren geweihte Wetterkerzen, die bei Unwetter angezündet wurden. Andernorts wurden besonders lange Kerzenstöcke in die Kirche getragen und geweiht, die dann zu Hause zerschnitten und den einzelnen Hausgenossen zugewiesen wurden. Das Licht, eben Christus, holte man so ins Haus und hatte ihn beim gemeinsamen Gebet, bei dem die Kerzen brannten, unter sich. Das galt besonders für das häusliche Rosenkranzgebet, bei Unwettern, bei schwerer Krankheit, Sterben und Tod. An diesem Tag fanden früher auch Lichterumzüge der Kinder statt. Der Brauch, in einem Trauerhaus sieben Tage lang ein Licht brennen zu lassen, wird erstmals in der jüdischen Literatur des 13. Jahrhunderts erwähnt. Wieweit hier ein Zusammenhang mit dem ewigen Licht auf christlichen Gräbern besteht, ist nicht geklärt.

Seit der Liturgiereform wird Lichtmess wieder als Herrenfest gefeiert und führt den Namen „Darstellung des Herrn”. Bei der Berechnung des Tages nahm man im Mittelalter unterschiedliche Ausgangspunkte: Wo Weihnachten am 25. Dezember gefeiert wurde, ergaben die 40 Tage, nach denen Jesus im Tempel dargestellt worden sein soll, den 2. Februar; war aber der 6. Januar Ausgangspunkt, kam man auf den 14. Februar. Letzteres war in Gallien der Fall. Es wird vermutet, dass nach der Verlegung des Weihnachtsfestes auf den 25. Dezember und der Abwanderung von Lichtmess auf den 2. Februar, der alte Festtermin, der 14. Februar, neu gefüllt wurde und so der Vielliebchentag bzw. der heutige Valentinstag zustandekam.

Festgebäck waren die Crêpes, Pfannkuchen, die im Rheinland lautmalerisch an die französische Vokabel erinnern: Kreppchen hießen sie hier. Der Hausfrau, die beim Pfannkuchenbacken den ersten Pfannkuchen - natürlich ohne Zuhilfenahme anderer Mittel - so wendete, dass diese Lichtmesscrêpe wieder in der Pfannenmitte landete, ging das ganze Jahr über das Geld nicht aus. An diesem Tag wurden die Dienstleute entlohnt und hatten einige Tage arbeitsfrei, was man in Süddeutschland „Schlenkeltage” nannte. Die Knechte und Mägde besuchten ihre Angehörigen und feierten das Wiedersehen mit Umzügen und Festessen.

Für die Bauern begann nun die Feldarbeit, die Weihnachtszeit war offiziell zu Ende. Für die Handwerker hörte mit Lichtmess die Arbeit bei Kunstlicht auf, die Montag nach dem Gedenktag des Erzengels Michael (29. September) begonnen hatte. Den gleichen Endpunkt hatte die Spinnstubenzeit, die zu Martini begonnen hatte. Es hieß deshalb nicht nur: „Sankt Martin macht Feuer ins Kamin; dann, o Mädel, greif zum Rädl” und „Lichtmess, ‘s Spinne’ vergeß”. Deftig formulierte man am Niederrhein: „Um Martin schlachtet der Bauer sein Schwein, das muss bis zu Lichtmess gefressen sein.” Zur Feier des Tages gaben die Meister den Gesellen und Lehrlingen oft den Nachmittag frei, der so die Bezeichnung Lichtblaumontag erhielt und damit, wie einige Experten meinen, die sprachliche Vorlage für den berühmt-berüchtigten Blauen Montag geboten hat.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln