Pfeile
Frühjahr
Sommer
Herbst
Religiöses Brauchtum
Winter
Erzengel Michael

Michael-Bannerträger Gottes, Erzengel und Patron der Deutschen Vom Urbild des deutschen Michel

„Quis ut Deus?“ – „Wer ist wie Gott?“ steht traditionell auf dem Schild des Erzengels Michael

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Die alte Redewendung „Der Michel zündt’s Licht an” weist darauf hin, dass früher ab dem Gedenktag des Erzengels Michael bei Kunstlicht gearbeitet wurde, und das bis Lichtmess. Und - weil unsere Vorfahren aus jedem Anlass ein Fest machen konnten - hieß der Montag nach Michaelis früher Lichtbratlmontag. Denn vor dem ersten Arbeitstag bei Kunstlicht gab es ein Festessen, z. B. einen Truthahn (= Schustervogel). Der 29. September ist heute der gemeinsame Gedenktag der Erzengel Michael, Gabriel und Rafael, die in der Bibel namentlich genannt werden. Sie werden seit dem 4. Jahrhundert verehrt und - seit der Kalenderreform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil - in einem eigenen Fest am 29. September gefeiert. Ursprünglich war dieser Tag der Weihetermin der Kirche Sankt Michael in Rom.

Engel – Boten Gottes

Das deutsche Wort Engel entspricht dem lateinischen angelus und bezeichnet die Boten Gottes. Die Bibel beschreibt sie als Männer, die sich als Boten Gottes erweisen (Gen 18) und als leuchtende Erscheinung (Lk 2, 9). Nur vier Engel erwähnt die Bibel mit Namen: Michael, Gabriel und Rafael. Ein vierter ist ein „gefallener” Engel: Der Satan oder Teufel nannte sich Lucifer. Die drei der Bibel namentlich bekannten Erzengel führen in ihren hebräischen Namen alle die Silbe „El” mit, die Gott bedeutet. Um diese Beziehung zu verdeutlichen, um auszudrücken, dass kein Engel ohne Beziehung zu Gott auch nur denkbar, geschweige denn benennbar ist, müsste man im Deutschen eigentlich die Namen wie folgt schreiben: Micha-El, Gabri-El, Rafa-El.

Die Engelsbrücke über den Tiber führt zur Engelsburg in Rom, die aus dem antiken Grabmal Kaiser Hadrians entstanden ist.

Archiv: Manfred Becker-Huberti

In jüngerer Zeit scheinen Engel - nachdem sie phasenweise überhaupt nicht mehr erwähnt wurden - wieder populär zu werden, misst man dies an der anschwellenden Zahl von Buchtiteln zum Thema oder an demoskopischen Befragungen: Immerhin glaubt jeder zweite Deutsche nach einer Forsa-Umfrage von 1995, dass er einen persönlichen Schutzengel hat; 55 Prozent der Befragten halten Engel für ein religiöses Symbol, 35 Prozent sind sich sicher, dass es Engel wirklich gibt. In der Kunst der letzten Jahrzehnte waren Engel kein Thema; die letzten Jahrhunderte hatten sie in der bildenden Kunst zu pausbäckigen Flügelköpfchen degenerieren lassen. In der christlichen Kunst sind sie aber von Anfang an dargestellt worden, seit dem 4. Jahrhundert fast immer mit Flügeln, um sie von Menschen zu unterscheiden und als geistige Wesen zu kennzeichnen. Als Geistwesen leben Engel in der Transzendenz, sind auf Gott hin ausgerichtet, dienen ihm und loben ihn (vgl. die ikonographischen Motive des Engellobs, musizierenden Engel, die Engelchöre ...). So wie Engel in der Geburtserzählung die Hirten zur Krippe weisen, haben sie Hilfs- und Schutzfunktion („Schutzengel”) für die Menschen. In der Literatur, aber vor allem in der Kunst kann die Präsenz von Engeln das hinter ihnen stehende Wort Gottes anschaubar machen, d.h. durch die immanenten Engel wird die Transzendenz sichtbar. Die sichtbaren Engel versinnbildlichen Unsichtbares, die physisch Sichtbaren bezeugen das spirituell Unsichtbare.

Michael – „Wer ist wie Gott?“

Die Engelsburg war der Fluchtpunkt der Päpste in unruhigen Zeiten

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Unter den Engeln gilt Michael als streitbarer Engel: Er soll den gefallenen „Lichtengel” Luzifer niedergekämpft (Der „Engelssturz” geht auf eine Fehlinterpretation von Apk 12,7 zurück, die seit dem 6. Jh. nachweisbar ist) und Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben haben. Mit seiner Posaune wird er die Toten aus ihren Gräbern aufwecken. Dargestellt wird er darum gerne mit Rüstung, Schwert und Seelenwaage. Auf seinem Schild steht: „Quis ut Deus?” - Wer ist wie Gott? Ebendies ist auch die hebräische Bedeutung seines Namens. Das Alte Testament kennt Michael als einen der höchsten Engel, den himmlischen Fürst Israels, der diesem Volk beisteht; das neue Testament kennt ihn als Erzengel, der gegen den Teufel kämpft (Jud 9, übernommen aus jüdischer Legende, und Apk 12,7f.). Die außerbiblischen Darstellungen haben Michael reich geschmückt: In alttestamentlicher Zeit als einen der sechs oder sieben Engelfürsten, den besonderen Vertrauten Gottes, der die Schlüssel des Himmels verwahrt, Oberfeldherr der Engel. In neutestamentlicher Zeit: als göttlichen Beauftragten für Aufgaben, die besonderer Kraft bedürfen, als Fürbitter der Menschen bei Gott, als Engel des christlichen Volkes, als Beistand der Sterbenden, der die Seelen der Verstorbenen in den Himmel geleitet. Mit Letzterem hängt das häufige Michaelspatrozinium von Friedhofskapellen zusammen und die Darstellung Michaels mit einer „Seelenwaage”. Wegen seiner Wehrhaftigkeit wählte man Michael gern zum Patron von Burgkapellen. Nicht ohne Grund lädt das Katholische Büro in Berlin Vertreter der Politik und Kirche jährlich zu einem „Michaelsempfang”. Der Erzengel Michael steht zu den Deutschen in einem ganz besonderen Verhältnis: Ludwig der Fromme (813 - 840), Sohn Karls des Großen, hat den Gedächtnistag für Michael mit Absicht auf den 29. September gelegt (Mainzer Synode 813), an dem bei den Germanen Wotans gedacht wurde. Michael wurde zum vielverehrten Patron der Deutschen - und damit zum Vorbild des „deutschen Michel”. Erst durch die Französische Revolution wurde der „deutsche Michel” zur Spottgestalt: ein zipfelmütziges treu-naives Nachtgespenst.

Michael im Brauchtum

Auf der Engelsburg steht ein Standbild des Erzengels Michael, das zeigt, wie der Engel das Schwert in die Scheide steckt. So soll der Engel an dieser Stelle erschienen sein, um anzuzeigen, dass die Pestepedemie in Rom ihrem Ende entgegen geht.

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Mit dem Michael-Gedenktag sind Spruchweisheiten verbunden: Die Gärtner pflegten den Merkspruch: „Ein Baum gepflanzt Sankt Michael, der wächst von Stund’ an auf Befehl. Ein Baum, gepflanzt an Lichtmess [= 2. Februar] erst, sieh’ zu, wie du den wachsen lehrst”. Eine Wetterregel lautet: „Regnet’s sanft am Micheltag, folgt ein milder Winter nach”. Der Tag Michaelis war seit frühen Jahrhunderten Termin-, Los- und Wettertag; an ihn knüpften sich Abgaben, Arbeitsverbote, Erntebräuche, Gesindewechsel, Jahrmärkte, Jugendumzüge, Schulabschluß. Am Michaelsabend wurden früher Michaelsfeuer entzündet. Sie waren ein Zeichen dafür, dass ab diesem Tag bei Kunstlicht gearbeitet wurde. Die zugehörige Redensart lautet: „Mariä Lichtmess bläst das Licht aus, Sankt Michael zündet’s wieder an”.

Die drei Samstage nach Michaeli hießen zu alten Zeiten „Goldene Samstage”. Ihr Name leitet sich von den „goldenen Messen” ab, die seit dem 14. Jahrhundert an diesen Samstagen zu Ehren Marias als Sühne für die Vergehen des Jahres gefeiert wurden. „Golden” hießen die Gottesdienste und Tage wegen der vorzüglichen Wirkung, die ihnen zugeschrieben wurde. Einer - allerdings späteren - Legende nach, soll Kaiser Ferdinand III. (1636 - 1657) die Feiern eingeführt haben.

Boten Gottes oder Kitschprodukt?

Boten Gottes, Beschützer der Menschen - die Versicherungswerbung nutzt das Wissen um die Engel schamlos: Weil der Schutzengel angeblich nicht immer aufpasst, sei eine Versicherung sicherer. Kaum ein Schlager lässt den Engel - oder auf neudeutsch: den „angel” - als Klischee für die Angehimmelte aus. Trotz allem: Hinter oberflächlicher Ausbeutung der Engel scheinen die Menschen sich den Glauben an die Botengänger Gottes und ihre Schutzengel nicht nehmen zu lassen. Ihre Erfahrungen verweisen auf die Realexistenz der Engel. Auch die roten DDR-Zaren konnten die Engel, die nur noch als „Jahresendpuppen”, „geflügelte Jahresendfiguren” oder „Jahresendzeitflügelfigur” bezeichnet werden durften, nicht totschweigen.

„Quis ut Deus?” – „Wer ist wie Gott? Der Wappenspruch des Erzengels Michael müsste für den heutigen Sprachgebrauch in „Gibt es eigentlich eine Alternative zu Gott?” übersetzt werden. Und wer diese Frage gewissenhaft bedenkt, muss nach seiner ehrlichen Antwort Konsequenzen ziehe: Wenn niemand wie Gott ist, bleibt nichts beim Alten.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
seitenanfang