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Von Flurprozessionen, aufsteigenden Christusfiguren und Himmelsbrot

Von Flurprozessionen, aufsteigenden Christusfiguren, „fliegendem Fleisch” und Himmelsbrot Die Bittage und Christi Himelfahrt – theologisch und kulturgeschichtlich betrachtet

Christi Himmelfahrt in der ehemaligen Klosterkirche St. Margaretha in Baumburg, Gemeinde Altenmarkt an der Alz, Landkreis Traunstein, Oberbayern: Der auferstandene Christus mit der Siegeesfahne wird an Seilen in das Kirchengewölbe hochgezogen. Zwei Engel mit brennenden Kerzen stabilisieren die Figur, damit sie sich nicht dreht.

Foto: Paul Werner/Archiv Manfred Becker-Huberti

Der 5. Sonntag nach Ostern wird nach dem Introitus „Vocem jucunditatis” genannt, aber auch „Rogate”. Diese Bezeichnung leitet sich her von der Bittprozession (lat. Rogate: „bittet”), die für den Markustag, den 25. April, wahrscheinlich im 4. Jahrhundert in Rom angeordnet wurde. Die unter Gregor dem Großen (590 – 604) neubelebte Bittprozession in Form einer feierlichen Flurßprozession ( lat. Litaniae maiores: „größerer, älterer Bittag”) sah immer das Singen der Allerheiligenlitanei vor. Nach der Mitte des 5. Jahrhunderts hat der heilige Bischof Mamertus von Vienne in Südfrankreich drei Sühnetage vor Christi Himmelfahrt angeordnet, an denen die Gläubigen Buße tun und Werke der Nächstenliebe verrichten sollten. Am Ende des 8. Jahrhunderts übernahm die ganze lateinische Kirche diesen Brauch, angeordnet durch Papst Leo III. (795 – 816). Diese Woche nahm den Namen „Bittwoche” an; der Montag, Dienstag und Mittwoch der Bittwoche wurden zu „feriae rogationum” (Rogationstage, Bittage). Zur Unterscheidung von anderen Bittagen wurden diese „litaniae maiores” (größere, ältere Bittgänge) genannt; die anderen hießen „litaniae minores” (jüngere, kleinere Bittgänge). Traditionell waren die Bittage dazu da, Gott um Gnade zu bitten, um Fruchtbarkeit für Feld und Flur, um Verhütung von Hagel, Frost und anderen Unwetter. Für die Gegenwart bestimmt die Grundordnung des Kirchenjahres: „An den Bitt- und Quatembergtagen betet die Kirche für mannigfache menschliche Anliegen, besonders für die Früchte der Erde und für das menschliche Schaffen; auch eignen sich die Tage für den öffentlichen Dank.” Nach wie vor werden die Bitttage in der Woche vor Christi Himmelfahrt gehalten, können aber auf einen Tag zusammengezogen werden.

Durch den entfernten Schlussstein gelangt die Christusfigur in „den Himmel”, das Kirchengewölbe.

Foto: Paul Werner/Archiv Manfred Becker-Huberti

Die „Himmelfahrt Christi” (andere Namen für Christi Himmelfahrt sind: Ascensio domini, Auffahrtstag, Goldene None, skandinavisch Helgethorsdag oder hellig thorsdag Mindeste Kreuzgang) gehört zum Urbestand christlichen Glaubens. Der Auferstandene erscheint nach der Auferstehung 40 Tage lang mit verklärtem Leib als der Erhöhte und beweist sich damit als der Existenzweise Gottes teilhaftig. Die Präsenz Christi zeigt ihn nicht als der Welt entrückt, sondern auf eine neue Art und Weise in ihr anwesend. Mit der Auferstehung hat Christus den Himmel als Dimension des Einsseins von Gott und Mensch überhaupt erst begründet. Als „zur Rechten Gottes sitzend” ist er das machtvolle Haupt der Kirche, die als sein Leib zwar noch in der Welt besteht, aber schon an der Erhöhung teilhat. Im Bewusstsein um den Zusammenhang zwischen Himmelfahrt Christi und Geistsendung haben die Christen bis weit in das 4. Jahrhundert Christi Himmelfahrt an Pfingsten mitgefeiert. Wahrscheinlich erst im Nachgang zum Nicänum (325), als der Osterfeststreit beigelegt wurde, verlagerte sich das Verständnis von den 40 Tagen: Ursprünglich theologisch als Zwischenzeit vor einem Neubeginn verstanden, wurden sie nun zu einem historischen Fixpunkt 40 Tage nach der Auferstehung. Seit 370 kann das Fest Christi Himmelfahrt als eigenständiges Fest 40 Tage nach Ostern nachgewiesen werden. Gefeiert wird es am Donnerstag nach dem 5.Sonntag nach Ostern (Vocem jucunditatis).

Eine eigene Drehvorrichtung auf dem Kirchendach ermöglicht diese Himmelfahrt.

Foto: Paul Werner/Archiv Manfred Becker-Huberti

Im liturgienahen Brauchtum hat vor allem das duale Phänomen der Himmelfahrt Christi einerseits und der Geistsendung andererseits beeindruckt. Der mittelalterlische Mensch – im Bemühen, das Gelehrte ein- und ansichtig zu machen, damit es „begriffen” werden konnte -, verdeutlichte die Himmelfahrt realistisch: In der Kirche wurde eine Christusfigur in das Gewölbe hinaufgezogen. Sobald sie den Blicken entschwunden war, regnete es aus dem Gewölbehimmel Blumen, Heiligenbildchen und zum Teil auch brennendes Werg, das die Feuerzungen des heiligen Geistes darstellte. Natürlich hat sich im Mittelalter damit auch finsterer Aberglaube verbunden: Beim Aufziehen der Christusfigur folgten ihr viele Blicke der Betrachter, denn wohin die Figur zuletzt schaute, von dort wurde das nächste Gewitter erwartet! In anderen Gegenden war es üblich, zusätzlich zur Himmelfahrt Christi das Gegenstück dazu zu veranschaulichen: Aus dem Kirchengewölbe (=Himmel) wurde eine Teufelsdarstellung gestürzt, die dann von der Gemeinde geschlagen wurde. Diese Inszenierung des Himmelsturzes (Höllensturz, wenn das Ziel des Sturzes den Namen gab) von Lucifer geschah auf dem Hintergrund von Jes 14,12ff. Dort ist zwar der König von Babel (=Assur) gemeint, der aber den Christen stets als Beispiel für Hoffart und als Verkörperung Satans galt. Symbolisch wurde die Herrschaft des Bösen beendet, damit konnte Christus den ihm zustehenden Himmelsthron einnehmen. Sebastian Franck beschreibt dieses Brauchtum in seinem „Weltbuch” von 1534: „Bald darauf folgt das Fest der Auffahrt Christi/daran yederman voll ist/und eyn gef[l]ügel essen muß/weiß nit wrumb/da zeucht man das erstanden bild/so diese zeit auff dem Altar gestanden ist/vor allem volck zu dem gewelb hinein/und würfft den teüfel eyn scheützlich bild anstatt herab/in den schlagen di umbstenden knaben mit langen gerten biß sy in umbringen. Darrauff wirft man oblat[en] von hymmel herab/zu bedeuten das hymel brot.” Dass an Christi Himmelfahrt üblicherweise nur Fleisch von Geflügel („fliegendes Fleisch”) gegessen wurde, damit auch zu Hause der Christi Himmelfahrt gedacht wurde, war sicher eine etwas naive Vorstellung. In einzelnen Gegenden der Alpen haben sich zwar noch Teile dieses Brauchtums bis in das 20. Jahrhundert erhalten, aber Reformation und Aufklärung haben über diese alten Bräuche gesiegt. Auch Brauchtumsvarianten, Hochheben und Umhertragen einer Figur des Auferstandenen, haben den Untergang nicht aufhalten können. Vielleicht ist das Gebäck in Vogelform, das in manchen Gegenden zu Christi Himmelfahrt gebacken wird, noch eine Erinnerung an die alte Rolle des Geflügels an diesem Festtag. Zum aus dem Kirchengewölbe geworfenen „Himmelsbrot”, Manna, hat es jedenfalls keinen Bezug.

Für viele Menschen der Gegenwart, die den Kontakt zum christlichen Glaubens verloren haben, reduziert sich der Himmelfahrtstag auf seine Rolle als „Vatertag”. Aber auch dieser wurzelt vielleicht zum Teil in religiösem Brauchtum. Seit alters waren auch am Himmelfahrtstag Flurumgänge und -umritte üblich. Strittig ist die Begründung für dieses Tun: Die einen halten sie für einen germanischen Rechtsbrauch, wonach jeder Grundeigentümer einmal im Jahr seinen Besitz umschreiten musste, um den Besitzanspruch aufrechtzuerhalten. Andere ergänzen oder ersetzen diese Erklärung: Es handle sich um die Imitation des Gangs der elf Jünger zum Ölberg zum Zweck ihrer Aussendung (vgl. Mt 28, 16f), der sogennannten Apostelprozession, oder es sei die Erinnerung an die vom Papst Leo III. (795 – 816) am Montag, Dienstag und Mittwoch vor Christi Himmelfahrt eingerichteten Bittprozessionen. Worin auch immer Grund oder Anlass der Flurumgänge gelegen haben mögen: Schon im Mittelalter hatten sie oft den religiösen Sinn verloren und waren mancherorts zu quasireligiösen Touren verkommen bei denen der Alkohol eine erheblich größere Rolle spielte als das Weihwasser. Aus diesen – von der Reformation geächteten und der katholischen Kirche bekämpften – Sauftouren entwickelten sich im 19. Jahrhundert „Herrenpartien” oder „Schinkentouren”, die – nach Einführung des „Muttertages” 1908 bzw. 1914 problemlos zum Gegenstück, dem „Vatertag” wurden, - ein Tag, der in den USA seit 1916 bzw. begangen wird.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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