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Kümmernis

"Aussehen wie die heilige Kümmernis" - Über eine ehemalige Volksheilige

Ob Sankt Caritas, Comera, Cumerana, Eutropia, Hilfe, Hulpe, Hülpe, Liberata, Liberatrix, Ontcomera, Ontkommene, Ontkommer, Gwer, Sankt Wilgefortis oder Sainte Affligée – gemeint war immer die heilige „Kümmernis”, eine „mythologische Volksheilige fraulicher Sorge und Abwehr”. Mit diesem Namen wurde seit dem 15. Jahrhundert eine angeblich „selige Jungfrau” bezeichnet. Der Name der nicht kanonisierten Volksheiligen, deren Legende aber Bestandteil des Martyrorlogium Romanum wurde, scheint in wortspielerischer Form auf ihre besondere Hilfe bei Kummer und Not hinzuweisen. Redensartlich werden entsprechende Vergleiche gezogen: „Aussehen wie die heilige Kümmernis” oder „sein wie die heilige Kümmernis”: sich um alles kümmern, überall eingreifen, sich fremde Sorgen zu den eigenen machen.

Die heilige Kümmernis galt als Tochter eines portugiesischen Heidenkönigs, die als Christin einen heidnischen Prinzen heiraten sollte. Da sie ihrem christlichen Glauben treu bleiben wollte, gelobte sie Jungfräulichkeit und bat Christus um einen Bart, der sie völlig entstellte. Die Legendenvarianten berichten unterschiedlich: Entweder wurde sie vom Vater verstoßen und/oder sie wurde auf Veranlassung ihres wütenden Vaters an ein Kreuz gebunden/genagelt. Mit der Legende von der heiligen Kümmernis verbunden ist die Sage vom armen Spielmann, dem sie ihren goldenen Schuh zuwarf, als er vor ihrem Bild spielte.

Das bei Restaurierungsarbeiten in der früheren Stiftskirche Sankt Lambertus in der Düsseldorfer Altstadt freigelegte Fresko von 1450/70 in der Nachfolge Lochners von der Volksheiligen Kümmernis zeigt diese in der klassischen Darstellung: gekreuzigt, mit Bart, vor sich der goldene Schuh und der Spielmann.

Die Legende wird mit einem missverstandenen, Kruzifix, Il Volto Santo, im Dom zu Lucca in Verbindung gebracht. Hier wird Christus nicht als der Leidende, sondern als der Triumphierende am Kreuz dargestellt, mit Krone und einem Faltengewand. Dieses damals nördlich der Alpen ungewöhnliche Kruzifix hat offensichtlich die Phantasie seiner norddeutschen Betrachter angeregt und führte zur Erzählung von der gekreuzigten Jungfrau. In den Wurzeln geht die Legende zurück in die Frühzeit des Christentums, festigt sich im Hochmittelalter und verknüpft sich mit der vagabundierenden Novelle vom armen Spielmann, dem die gekreuzigte Kümmernis ihren goldenen Schuh zuwirft. Die Verbindung der heiligen Kümmernis mit dem Volto Santo von Lucca ergab sich durch das Unverständnis gegenüber dem bekleideten Christus am Kreuz. Frühester Kultort ist Steenbergen in den Niederlanden, von wo Wunderheilungen berichtet wurden.

Il Volto Santo - das heilige Antlitz - wird das Kreuz aus dem 12. Jahrhundert im Sankt Martins-Dom zu Lucca genannt, hier mit kostbaren Votivgaben geschmückt. Es ist das nördlich der Alpen missverstandene Kreuz, das sich mit der Legende der heiligen Kümmernis verbunden hat.

Die kultische Verehrung der heiligen Kümmernis (als heilige Wilgefortis mit Fest am 20. Juli in den Kalender aufgenommen) kann um 1400 erstmals nachgewiesen werden, verbreitete sich im Barock, wurde im 18. Jahrhundert eingeschränkt und erlosch in Nordwesteuropa faktisch im 20. Jahrhundert. Für die Zeit um 1350 bis 1848 sind etwa 1000 literarische und ikonographische Zeugnisse vom Niederrhein bis nach Böhmen, von Nord- und Ostsee bis nach Tirol und die Schweiz belegt. Auch in Frankreich und England ist der Kult der Kümmernis nachweisbar. Heute ist die Legende von der heiligen Kümmernis im Deutschsprachigen nur noch in Schlesien, Bayern und Österreich verbreitet.

Il Volto Santo (Ausschnitt) ohne Votivgaben.

Hl. Kümmernis / Hl. Wilgefortis,
Kupferstich 18. Jh.

Wenn die heilige Kümmernis in Nordwesteuropa auch fast nur noch Kulturhistorikern bekannt ist, in Südeuropa und Südamerika ist sie noch präsent - als Sainte Affligée, was mit „Kümmernis” richtig übersetzt wird. Das hier dokumentierte bemalte Foto stammt aus dem Jahr 1991 und stellt die Heilige in einer seltsamen Mischung von Zeitgeschmack und tradierter Ikonographie vor.

Pierre et Gille, Sainte Affligée, Pascal Borel, 1991
© Pierre et Gilles
Painted Photography, 135,5 x 106 cm, Private Collection, Buenos Aires
In: Kelly Klein: CROSS. Zürich: Edition Olms 2000, Abb. 78
ISBN 3-283-00412-9
© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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