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Das Herz-Jesu-Fest

„Sommerweihnacht” und „Sunnawenhansl-Frohfeuer” am Johannistag

Der Bußprediger vom Jordan, ein leiblicher Vetter Jesu und als sein Vorläufer bezeichnet, genannt Johannes der Täufer, ist – neben der Gottesmutter Maria – der einzige Heilige, dessen Geburtstag die Kirche neben dem sonst üblicherweise gefeierten Todestag begeht. Aber nicht nur in der Liturgie hat der Verwandte Jesu Spuren hinterlassen. Der Johannistag wird auch heute noch als ein Fest des Sommerhöhepunktes gefeiert. Die Johannisnacht am 24. Juni gilt als die kürzeste Nacht des Jahres: An keinem Tag des Jahres leuchtet die Sommersonne länger. Nicht nur in ländlichen Gegenden brennen am Abend des 24. Juni die Johannisfeuer. Fauna und Flora hat Johannes der Täufer oder Johannes Baptist, dessen Geburtstag Festanlass ist, seinen Namen aufgeprägt

Der kirchliche Festkalender, so glauben heute Forscher zu wissen, hat das Fest der Geburt Johannes des Täufers (früher: In Nativitate S. Joannis Baptistae, heute: Hochfest der Geburt Johannes' des Täufers) mit Bedacht auf den 24. Juni gelegt. Schon der hl. Augustinus (354 - 430) kennt für Afrika diesen Termin. Bestimmend dafür war die Vorgeschichte der Geburt Jesu, wie sie vom Evangelisten Lukas berichtet wird (Lk 1, 5–80). Ziemlich exakt sechs Monate vor der Geburt Jesu (25.12.) wird die Geburt des Johannes angesetzt (25.06.). Dies ist konsequent, weil Lk 1,26 berichtet wird, Elisabet, die Ehefrau des Priesters Zacharias, Base der Jungfrau Maria und Mutter des Johannes, sei im sechsten Monat schwanger gewesen, als der Engel Gabriel der Maria verkündet habe, sie werde, vom Heiligen Geist überschattet, von Gott ein Kind empfangen. Dieses Ereignis wird heute unter der Bezeichnung „Hochfest Verkündigung des Herrn” am 25. März gefeiert. - Der 25. März ist der Dreh- und Angelpunkt: Der an diesem Tag sechs Monate alte Fötus Johannes wird drei Monate später, am 24. Juni, geboren, der am 25. März gezeugte Jesus neun Monate später am 25. Dezember. Die einzige zeitliche Irritation im gegenwärtigen deutschsprachigen Festkalender ergibt sich durch das Fest Mariä Heimsuchung am 2. Juli, an dem memoriert wird, dass die werdende Mutter Maria (Lk 1,39) ihre ebenfalls schwangere Base Elisabet besucht. Dem widerspricht der heutige Festkalender durch das Fest der Geburt des Johannes bereits am 24. Juni. Der römische Generalkalender feiert Mariä Heimsuchung dagegen am 31. Mai. Im deutschen Sprachgebiet hat man es wegen der Verwurzelung des 2. Juli in der Volksfrömmigkeit (Wallfahrten, Kirchenpatrozinien) beim alten Termin gelassen.

Hintergrund für diese Zeitschiene ist übrigens die alte judenchristliche Tradition, nach der der erste Schöpfungstag, der Geburts- und der Todestermin Jesu auf den gleichen Termin fallen, an dem die Juden des Geburts- und Opferungstages Isaaks gedenken, den 14. Nisan, der für das als wahrscheinlich angenommene Todesjahr Jesu, das Jahr 29, auf den 25. März fällt.

Die gewählte Zeitschiene erfüllt nicht nur die Bedingung, dass die biblischen Zeitvorgaben gewahrt bleiben. Die in das Naturjahr integrierten Festanlässe scheinen auch durch die Natur selbst bestätigt zu werden. Nicht nur die Rolle des messianischen Vorläufers ergibt sich so, sondern auch die Erfüllung der biblischen Verheißung: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes” (Lk 1,78f). Und später soll Johannes selber gesagt haben: „Es kommt (aber) einer, der stärker ist als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe aufzuschnüren” (Lk 3,16). „Er (Jesus Christus) muss wachsen, ich aber muss abnehmen” (Joh 3,30). Dem entsprechen die beiden Gedenktage: Am 24. Juni gibt es die kürzeste Nacht und den längsten Tag im Jahreslauf; aber ab diesem Termin werden die Tage immer kürzer und die Nächte immer länger. Der Scheitelpunkt dieser „Negativentwicklung” wird am 25. Dezember erreicht. Und genau in dieser Nacht (Wintersonnwende) wird der Messias geboren; die Tage werden länger und die Nächte kürzer: „Das aufstrahlende Licht aus der Höhe” erlöst alle, die „im Schatten des Todes” leben. Das Johannesevangelium steigert die Lichtsymbolik noch, wenn es erzählt: „Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt” (Joh 1,6-9). Von dieser Einordnung her wird deutlich, warum Jesus den Täufer als den Größten bezeichnet hat, der je von einer Frau geboren wurde (Mk 11,11).

Die in der Bibel grundgelegte Lichtsymbolik spielt dem entsprechend nicht nur zu Weihnachten eine Rolle, sondern auch am Johannistag. Die Sommersonnwende wird im Brauchtum durch „Lichtverstärkung” gefeiert. Wenn das Licht schwächer, es also Abend oder Nacht wird, entzündet man Feuer, um das Licht zu „verstärken”, die Nacht zu erleuchten, in der Nacht dem Licht über seine momentane Schwäche hinweg zu helfen. Die Sonnwendfeuer, manchmal auch „Rotfeuer” genannt oder „Sunnawenhansl-Frohfeuer” (Steiermark), hat es wahscheinlich schon in vorchristlicher, germanischer Zeit gegeben. Sie erleuchteten die Nacht, wenn Wotan Walhall verließ und segnend über die Erde schritt. Da dieses Brauchtum auch zum christlichen Festanlass passte, wurde es übernommen. Der Johannistag wurde zur „Sommerweihnacht”. Für diesen Tag galten strikte Vorschriften: unziemliche Trinksitten, Händeleien oder Ähnliches waren verpönt. Die Unverheirateten tanzen, oft bis zur Erschöpfung, um das Feuer. Zum Johannisfeuer gehört der segenbringende Sprung über das Feuer. Er überwindet Unheil, reinigt von Krankheit und wirkt je besser, je mehr über das Feuer springen. Wenn ein Paar sich bei diesem Sprung nicht losließ, so deuteten dies die Menschen früher als ein gutes Zeichen für eine bald bevorstehende Hochzeit. Vor dem Erlöschen des Feuers warfen die jungen Frauen den Blumenstrauß, den sie zum Festkleid trugen, in die verlöschenden Glut und sprachen: „Wie dieser Kranz möge all mein Mißgeschick verbrennen und in Nichts zerfallen.” Wenn das Feuer fast niedergebrannt war, betete man in manchen Gegenden den „Engel des Herrn”. Dieses Gebet bezieht sich auf den heilsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen dem Tagesheiligen und Jesus Christus. Fackelschwenken und Scheibenschlagen haben sich mancherorts als paralleles Tun zum Sonnwendfeuer erhalten. Die Asche des Johannisfeuer wurde als Segen auf die Felder gebracht.

„Feuerspenden” (Reisig, alte Besen, Stroh, Werg und Äste) galten damals als Ehrensache. Im Spruchgut der Eifel heißt es: „Wer kein Holz zum Feuer gibt, erreicht das ewige Leben nit” oder „Ist eine gute Frau im Haus” Schmeißt ein Büschel Holz heraus, oder man lässt den Marder ins Hühnerhaus.”

Um „alles Unglück für das kommende Jahr abzuwaschen”, gehörten mancherorts „Quellgänge” zum Johannistag. Es musste fließendes Wasser aus Quellen oder Bächen sein, in dem man die mit Blumen geschmückten Frauen besprengte.

Zum Johannistag gehörten früher Johanniskränze aus siebenerlei oder neunerlei Kräutern und Pflanzen, z.B. Bärlapp, Beifuß, Eichenlaub, Farnkraut, Johanniskraut, Klatschmohn, Kornblumen, Lilien, Rittersporn und Rosen. Die Kränze wurden über Tür und Fenster gehängt, um vor Geistern und Dämonen zu schützen, die in der Johannisnacht spukten. In Mitteldeutschland warf man den Kranz über das Haus, damit der Segen wirkte. Gekreuzte Besen vor Türen und Toren wehrten Spukgestalten ab; ein Johanniskranz unter dem Kopfkissen brachte Glück in der Liebe, gleichfalls ein Blütenteppich unter dem Esstisch, das so genannte „Johannisstreu”.

Die ungeheure Popularität des Täufers im Mittelalter kann man nicht nur an der weiten Verbreitung seines Namens in der Form „Johannes”, „Hans” oder „Jean” erkennen, sondern auch daran, dass die populären Namen „Johannes”, „Hans” oder „Hänschen” als verdeckende Bezeichnungen auftauchen: für Hans gibt es zahllose Beispiele wie z. B. Hanswurst, Faselhannes, Plapperhannes, Prahlhans, Schmalhans, Hans-Guck-in-die-Luft; zum „Hänneschen” lässt sich keiner gerne machen; "gehänselt" werden mag ebenso kaum jemand. Auch in Fauna und Flora hat der Heilige seinen Namen hinterlassen: z.B. Johannisbeere, Johanniskraut, Johannisbrot und Johanniswürmchen (Glühwürmchen) belegen dies. Zahllos sind die Namensadaptionen bei Orten (z.B. St. Johann) und bei Kirchen (z.B. die „Mutter aller Kirchen”, die Lateranbasilika in Rom).

Auch als Wetterlostag spielt der Festtag seine Rolle. Bekannt sind z.B. die folgenden Bauernregeln:

Wenn Johannis ist geboren,
gehen die langen Tage verloren.

Wenn die Johanniswürmer glänzen,
darfst du bereiten die Sensen.

Wenn kalt und nass Johannis war,
verdirbt er meist das ganze Jahr.

Das von der Sonnwende her dominierte Brauchtum zum Fest der Geburt des Täufers Johannes war derart ausgeprägt, dass das Gedächtnis des Martyriums und des Todes am 29. August dahinter völlig zurück blieb. Das Fest der Empfängnis Johannes des Vortäufers kennt nur die Orthodoxie. Der Einsiedler aus der Wüste, der wie Jesus zur Buße und Umkehr aufrief und im Jordan Bußtaufen durchführte, stand zwischen dem Alten und dem Neuen Testament, ein Wegbereiter, wie ihn auch das Brauchtum sieht: Er ist der, der im hellsten Sommer auf den dunckelsten Winter verweist und ankündigt: Wenn es am dunkelsten ist, wird das Licht, Jesus Christus, kommen.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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