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Wie Zachäus auf jeder Kirmes

Wie Zachäus auf jeder Kirmes–Ein Strohmann zur Kirmes und das dazu gehörige Sonntagsevangelium

Für viele Schützenbrüder gibt es nur drei Jahreszeiten: „vor die Tage, auf die Tage, nach die Tage“ – wie die Neusser sagen, die im Rheinland Jahr für Jahr immerhin die meisten Schützen marschierend auf „dä Maat“ bringen. Und dieses Schützenbrauchtum ist mit Kirche und Religion stark verwoben, gleichgültig ob die einzelnen Gruppen noch als kirchliche Bruderschaften oder in anderer Form bestehen. Ein „Kronzeuge“ für diese enge Beziehung ist der „Zachäus“, die sprichwörtliche Verkörperung der Kirmes. Sein Auftritt beendet die Zeit „vor die Tage“ und sein Abtritt eröffnet die schrecklich lange Zeit „nach die Tage.“

Überlebensgroß und jedes Jahr in einer anderen Uniform präsentiert sich der Zachäus im Festzelt von Rommerskirchen-Vanikum

Foto: Manfred Becker-Huberti

„Kirmes“ (fränkisch-alemannisch und schwäbisch Kilbe, Kelb oder Kirbe, bayerisch Kirta, aber auch Kirwa) geht auf das mittelhochdeutsche „kirmesse“ zurück, das aus „kirchmesse“ entstanden ist. Dieses Wort bezeichnete zunächst die Messe zur Einweihung einer Kirche, die aus einem Gebäude einen heiligen Ort werden lässt, dann zugleich das jährliche Erinnerungsfest daran und schließlich - unter Bezug auf die damit verbundenen weltlichen Feiern - den Jahrmarkt und das Volksfest. Neben dem Tag der Kirchweihe bot auch der Gedenktag des Kirchenpatrons Gelegenheit zu Fest und Feier. Die Folge waren dann mehrere Kirmesfeiern im Jahr, die im Laufe der Jahrhunderte entweder zu einer mit dem Erntefest in Verbindung stehenden Spätkirmes verschmolzen oder aber sich als Früh- oder Vorkirmes neben der eigentlichen Kirmes erhielten. Die Aufklärung suchte alle Kirmestermine auf einen zu verschmelzen, das dritte Oktoberwochenende, das im Volk dadurch die wenig freundlich gemeinte Bezeichnung Allerweltskirmes oder Kaiserkirmes (wegen des dahinter stehenden Regenten) erhielt.

Welches Kirmes es auch war: Sie war und ist ein Jahrmarkt mit Verkaufs- und Vergnügungsangeboten, Ess- und Trinkgelegenheiten. Wurde früher oft eine ganze Woche lang Kirmes gefeiert, beschränkt sich der Termin heute meist auf ein verlängertes Wochenende. Es ist – zumindest auf dem Lande - einer der Termine im Jahr, an dem die ganze Familie, nicht nur die nähere, sondern auch die weitere Verwandtschaft zusammentrifft. Fast untrennbar verwoben mit der Kirmes ist in weiten Teilen des deutschsprachigen Raumes das Schützenwesen. Aber neben den Schützen übernehmen auch andere lokale Gemeinschaftsorganisationen (Burschen- und Mädchenschaften, Gesangs- und Brauchtumsverein) die Ausrichtung der Kirmes.

Zachäus in der Bildmitte. Foto aus den 30er Jahren.

Foto: Bürgerverein Eintracht Hückelhoven

Die Kirmes ist mit vielfältigem Brauchtum verbunden, regional vielschichtig und oft von Ort zu Ort spezifisch. An vielen Stellen hat sich Initiationsbrauchtum erhalten, Riten der Kirmeseröffnung. Bei ihnen spielt Zachäus oder Zacheies (alternativ auch: Peiass, Kirmespitter, Kirmesjohann ...) seine Rolle – meist ein Strohmann, der gesucht werden muss oder ausgegraben wird oder an bestimmter Stelle zu finden ist. Ihm müssen die Schützen – oft handgreiflich mit Knüppeln – das Recht zu Kirmesfeiern abtrotzen. Und damit es Freude macht, will jeder einzelne Feiertag herausgeprügelt werden. Und hat Zachäus endlich die Kirmes in traditionellem Umfang genehmigt, darf er auch ihr Gast sein: Feierlichlächerlich wird er durch das Dorf und über den Festplatz in das Festzelt geführt. Sein Platz ist oft die Wand über dem Podium, so dass ihm nichts entgehen kann. Mancherorts aber thront er – wie sein Urbild – auf einem feierlich geschmückten Baum. Oder wo er das nicht tut, wird ein Baum mit einer Fahne geschmückt, die das Kleid des Zachäus symbolisiert, das er sich auf dem Baum zerrissen hat. Dieser Brauch ist bereits durch die Sprichwörtersammlung des Johannes Agricola aus dem 16. Jahrhundert belegt, in der es heißt: „Man findet, dass Zacheus geruomet wirt an der Kirchweyhel denn do er auff eynem Baum stunde / und wollte Jhesum sehen / hiess yhn Jhesus eylens herab steigen / und im eilen bleibt das niderkleydt am baum hangen / denn er hefte keyn hosen an / das niderkleydt henckt man noch auf, das ist die Kirmesfahne.“

Zachäus neben dem Klumpenkönig und der Klumpenkönigin für das Jahr 2004/2005 in Hückelhoven.

Foto: Bürgerverein Eintracht Hückelhoven

Ein echter Strohmann hat die Funktion, die Schuld anderer zu übernehmen, so auch der Zachäus. Zum Kirmesschluss geht es ihm an den Kragen: Er muss für alles büßen, was schief gegangen ist, er ist schuld, dass die Kirmes so schnell vorüber war. Er trägt die Schuld für das Zuviel an Essen und Trinken, jeden Raufhandel und Ehestreit. Nur das Todesurteil kommt in Frage, wobei die Form der Vollstreckung variiert: Ersäufen, Erhängen, Verbrennen, Vierteilen, Köpfen ... Der Möglichkeiten sind viele. Mit geheuchelter Trauer, lachendem Geheule, gespielten Tränen und lautem Wehgeschrei geschieht dies zur Freude aller Beteiligten, die sich dabei schon auf die Wiederauferstehung im nächsten Jahr freuen.

Wer ist dieser Zachäus und wo kommt er her?

Das Evangelium der Messe am Fest der Kirchweihe (Jahrestag der Kirchweihe, In Anniversario Dedicationis ecclesiae) trug vor der Liturgiereform Lk 19, 1 - 10, die Einkehr Jesu in das Haus des Zachäus vor. Dementsprechend bezog sich auch die Predigt der Messe auf Zachäus. Eben dieser Zachäus, der liturgiegemäß dadurch bei jeder Kirmes auftauchte, wurde sprichwörtlich. Wickrams „Rollwagenbüchlein“ von 1555 verdeutlicht den Zusammenhang: „wenig aber wirt dass leiden Christi bedacht. Also predigt man vom Zacheo auff allen Kirchweihen, niemandt aber volget jm inn den Wercken nach“. Der Zachäus des Evangeliums personifizierte nachgerade die Kirchweih, wenn es hieß: „Der ist auf allen Kirchweihen wie Zachäus“ oder „Zachäus auf allen Kirchweihen sein“, d.h. überall anzutreffen sein, wo es fröhlich zugeht, wo es gut zu essen und trinken gibt. Vergleichbare Redewendungen im Sinne des Zachäus sind: „Petersilie auf allen Suppen“ und „Hans Dampf in allen Gassen“. Zachäus nahm schließlich auch Gestalt an, wurde personifiziert als Strohmann, der feierlich eingeholt und während der Kirchweih mitgeführt wird und im Festzelt angebracht ist. Nach der Kirchweih aber wird Zachäus mit gebührendem Pomp zu Grabe getragen.

Denkmal für den Langwadener Kirmes-Johann von Bärbel Kolberg, 2004

Foto: Manfred Becker-Huberti

Das Wort „Strohmann“ ist heute als verdeckender Ersatz für einen eigentlich Handelnden üblich, vielleicht entlehnt aus dem frz.: „homme du paille“ oder „paillasse“, dem Strohsack, im übertragenen Sinn auch Hanswurt oder Hampelmann. Aus „paillasse“ scheint im Italienischen „pagliaccio“ geworden zu sein, das wiederum den Bajazzo der Commedia dell’arte bildete. Die bekannteste reale Präsenz eines Strohmannes ist die Vogelscheuche, die Vögeln einen Menschen vortäuschen soll. Den realen Strohmann gibt es auch als Stellvertreter für reale und irreale Menschen. Beispiel für den ersten Fall ist etwa eine Strohpuppe, die einen Politiker (oder an ihm ggfls. auch konkrete politische Verhältnisse) darstellen soll und deshalb stellvertretend behandelt, z.B. geprügelt, verspottet, gehenkt, verbrannt wird. Beispiele einer Strohpuppe für irreale Gestalten sind während des Schützenfestes der Zachäus, im Karneval z.B. der Lazarus Strohmannus (Jülich), der Geck oder Jokili im Alemannischen, der Hoppeditz (Düsseldorf) oder der Nubbel (Köln), der Doktor (16. Jh. Münster/Westf.), der Peijaß oder der Bonhomme Carnaval in Quebec, Kanada. Auf den Kanaren nimmt die Sardine die Rolle der in Deutschland menschlichen Strohpuppen ein. Es sind Personifikationen des Karnevals, die in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch gehenkt, ertränkt, verbrannt oder beerdigt werden, um das Ende der Fastnacht anzukündigen. Der Herr Winter oder der Tod verkörpern in Frühlingsbräuchen den abtretenden Winter. Urbild aller „Strohmänner“ ist der Sündenbock im Alten Testament, dem symbolisch die Sünden der Menschen aufgeladen wurden und der dann in die Wüste gejagt wurde, vgl. Lev 16, 21ff.

Natürlich gibt es Variationen. Statt des Zachäus wurde an anderen Orten die „Kirmes begraben“: Ein Bild des Kirchenpatrons oder ein Pferdeschädel, der „Kirmesknochen“, wurden unter geheuchelter Trauer an einer bestimmten Stelle begraben, um im nächsten Jahr mit Allotria wieder ausgegraben zu werden.

Im Klosterdorf Langwaden, heute ein Ortsteil von Grevenbroich, gibt es Schützen erst seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier – wie an anderer Stelle – gab es einmal eine Zeit lang einen lebenden Zachäus, den Kirmesjohann, eine Person, die vor dem Schützenfest zu suchen war. Fand man sie, wofür die Schützen natürlich sorgten, trotzte man ihr das Kirmesrecht ab. Weil der alte Herr, der sich früher dafür hergab, schon lange nicht mehr lebt, hat man ihm 2004 ein Denkmal gesetzt.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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