Pfeile
Frühjahr
Sommer
Religiöses Brauchtum
Herbst
Winter
Mariä Himmelfahrt

Mariä Himmelfahrt „... zu Krudemisse unser liben Frawn, als sei to himmel voer” – Kräuterweihe, Mariennüsse und anderes zu Mariä Himmelfahrt

Schon vor dem Konzil von Chalkedon im Jahr 451 war in der Ostkirche die Feier der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, das Fest Mariä Himmelfahrt bzw. In Assumptione Beatae Mariae Virginis in Gebrauch. Mindestens seit dem 7. Jahrhundert hat die Westkirche dieses Fest am 15. August übernommen. Es wird heute als Hochfest Maria Aufnahme in den Himmel gefeiert und hat durch die am 1. November 1950 durch Papst Pius XII. erfolgte Dogmatisierung der Aufnahme Mariens mit Leib und Seele in den Himmel einen starken Akzent erhalten.

Vor allen anderen Marienfesten steht Mariä Himmelfahrt (auch Großer Frauentag, Maria Würzweih, Büschelfrauentag genannt) in Verbindung mit Brauchtum. Wenn die ersten Baum- oder Strauchnüsse (Wal- und Haselnüsse) reif waren, schenkte man sie den Kindern am 15. August als Mariennüsse. Obwohl es auch früher andere Feste gegeben hat, die mit einer Kräuterweihe verbunden waren, ist es heute fast überall nur noch das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Warum gerade dieses Fest mit Kräutern in Verbindung steht, lässt sich nur spekulativ beantworten. Wohl kaum dürften die Marienlegenden ursächlich sein: Nach der Legenda aurea wurde auf Weisung eines Engels dem Leichnam Mariens eine Palme vorausgetragen; als Christus selbst drei Tage nach dem Tod seiner Mutter auf Erden erschien, um sie auf ihrem Weg in den Himmel zu begleiten, berichtet dieselbe Legende, habe sich ein unaussprechlicher Duft verbreitet. Eine jüngere Legende erzählt, als man das Grab Mariens später geöffnet habe, seien nur Rosen vorgefunden worden.

Eher ist wahrscheinlich, dass die jahreszeitlich bedingte Getreidereife und Hochblüte der Natur in Erinnerung brachten, dass Maria traditionell als „Blume des Feldes und Lilie in den Tälern” (Hoheslied 2, 1) verehrt und seit dem 5. Jahrhundert als ”guter und heiliger Acker” benannt wurde, der eine göttliche Ernte brachte, woraus sich die Darstellung Mariens im Ährenkleid entwickelte. Der Sachsenspiegel des 13. Jahrhunderts belegt den Brauch der Kräuterweihe: „... dat is zu Krudemisse [= Kräutermesse, -weihe] unser liben Frawn, als sei to himel voer” und das Weltbuch des Sebastian Franck von 1534 den damit in Verbindung stehenden Aberglauben: ”an unser frawen himmelfart da tregt alle welt obs / büschel allerley kreuter / in die kirchen zu weihen / für alle sucht und plag uberlegt / bewert. Mit disen kreutern geschicht seer vil zauberey”. Um sicher zu gehen, dass die Kräuter auch möglichst viel Segen „mitbekamen”, wurden sie vor der Kräutermesse teils unter das Altartuch gelegt, bis dies verboten wurde und Kräuter nur noch neben dem Altar postiert werden durften. Die Symbolhandlung - mit Gottes Hilfe die Kräfte der Natur zu Gunsten von Mensch und Tier einzusetzen - bezog auch die Anzahl und die Auswahl der Kräuter ein. Ihre Anzahl war nicht gleichgültig, sondern betrug - landschaftlich und zeitlich unterschiedlich - zwischen sieben oder 99 Kräutern: sieben (als die alte heilige Zahl) oder neun (also drei mal drei!) waren normal, aber auch zwölf oder 24, 72 oder gar 99 sind bekannt. Kräuter, die dabei Verwendung fanden, waren oder sind: Johanniskraut, Wermut, Beifuß, Rainfarn, Schafgarbe, Königskerze, Tausendgüldenkraut, Eisenkraut, und gelegentlich Wiesenknopf, Kamille, Thymian, Baldrian, Odermennig, Alant, Klee und die verschiedenen Getreidearten. Die geweihten Kräuter wurden in Haus und Stall meist an der Wand („Herrgottswinkel”) angebracht. Man benutzte sie aber auch, um aus ihnen einen Tee zuzubereiten, der gegen verschiedene Krankheiten helfen sollte. Krankem Vieh wurden geweihte Kräuter ins Futter gerührt, geweihtes Getreide dem neuen Saatgut zugemischt. Bei Gewitter warf man die Kräuter ins offene Feuer, um Schutz gegen Blitz und Seuchen zu erlangen. Den Toten legte man in den Sarg ein Kreuz aus geweihten Kräutern.

Die Zeit zwischen dem 13. bzw. 15. August und dem 13. bzw. 15. September, etwa dreißig Tage und deshalb Frauendreißiger oder Frauendreißigster genannt, galt als eine besinnliche Zeit, die besonders dem Mariengebet geweiht war. Zwischen dem „Großen Frauentag” (15. August: Mariä Himmelfahrt) und dem Kleinen Frauentag (8. September: Maria Geburt) bot es sich förmlich an, „unsere liebe Frau”, wie Maria über Jahrhunderte heißt, in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Es war die Zeit der Marienwallfahrten. Vor der Kalenderreform endete Mariä Himmelfahrt mit dem Oktavtag, dem 22. August. An ihm feierte man das Fest Unbeflecktes Herz Mariä, das sich parallel zum Herz-Jesu-Fest entwickelt hatte. Die Kalenderreform hat das Fest Unbeflecktes Herz Mariä auf den Samstag nach dem Herz-Jesu-Fest verlegt, den Samstag nach dem zweiten Sonntag nach Pfingsten. Auf den ehemaligen Oktavtag von Mariä Himmelfahrt, den 22. August, hat die Kirche das Fest Maria Königin gelegt, das durch Papst Pius XII. 1954 zum Abschluss des Marianischen Jahres am 31. Mai eingeführt worden war.

Die Gestalt Mariens hat – über die Kräuter hinaus – noch bei weiteren Benennungen in Fauna und Flora Pate gestanden. Nicht nur Pflanzen hat sie ihren Namen gegeben: Marienblümchen, Mariendistel, Mariä Bettstroh ..., auch Tiere stehen mit Maria namentlich in Verbindung: zum Beispiel der Marienkäfer; die Schwalbe, in germanisch-vorchristlichen Zeiten der Göttin Iduna zugeordnet, gilt als Marien- oder Muttergottesvogel. Maria hat auch Naturerscheinungen den Namen gegeben: den Marienfädchen im Altweibersommer, dem Regenbogen, der traditionell als Marias Gewandsaum gilt. In der Kunst bieten die Mariendarstellungen in ihrer Differenziertheit, Ikonographie, Abhängigkeit vom zeitgeschichtlichen Kontext und regionalen Unterschiedlichkeit ein kaum überschaubares riesiges Feld. Es gibt zahllose verschiedenartige Mariendarstellungen in der Westkirche und bemerkenswert divergierende in der Ostkirche. Bis zum heutigen Tag spielt eine Kirche im Zusammenhang mit der Gottesmutter eine singuläre Rolle: Santa Maria Maggiore auf dem Esquilinhügel in Rom. Die Kirche wurde im 4. Jahrhundert gebaut und nach dem Konzil von Ephesus 431 von Papst Sixtus III. (432 - 440) der Gottesmutter geweiht. Weil nach einer Legende Schneefall im Sommer den Ort des Kirchbaus angegeben hatte, heißt der Weihetag von Santa Maria Maggiore, der 5. August, der seit 1568 im kirchlichen Kalender geführt wird, auch „Maria Schnee”.

Die Gottesmutter war und bleibt in ihrer Schlichtheit und Mütterlichkeit vielen Menschen oft näher als der unbegreifliche und allmächtige Gott. Die Gottesgebärerin ist die erste Christin, die modellhaft das Christentum vorgelebt hat.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
seitenanfang