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Das ehemalige Fest des Siebenschläfers als Wetterlostag

Das ehemalige Fest des Siebenschläfers als Wetterlostag

Der Siebenschläfertag, der früher am 27. Juni gefeiert wurde, ist heute nur noch als Lostag für das Wetter einigen Menschen bekannt: „Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen bleiben mag” oder „Siebenschläfer Regen - sieben Wochen Regen” oder „Ist der Siebenschläfer nass, regnet’s ohne Unterlass” oder „Regnet’s am Siebenschläfertag, es sieben Wochen regnen mag” oder „Wenn die Siebenschläfer Regen kochen, dann regnet’s ganze sieben Wochen”.

Die holprigen bäuerlichen Wetterreime, lange im Verruf, sind längst rehabilitiert. Auch „DER SPIEGEL” (23/2000, S. 228) weiß zu berichten: „Diese Bauernregel bewahrheitet sich im kontinentalen Süddeutschland in acht von zehn Sommern; im küstennahen Norden erreicht sie immerhin noch eine Trefferquote von 67 Prozent”. Und, es wäre nicht der SPIEGEL, wüsste er nicht auch warum: „Zwei unversöhnliche Kontrahenten werden Ende Juni über Deutschland aufeinander prallen. Aus dem Norden drängt polare Kaltluft vor; aus dem Süden hält tropische Warmluft dagegen. Der Verlauf der Front wird den Sommer bestimmen. Liegt sie hoch im Norden, dann beglücken später Azorenhochs die Deutschen. Befindet sie sich tiefer im Süden, schicken Islandtiefs ihre Ausläufer in hiesige Breiten.” Dies haben die Bauern früher nicht gewusst, ebenso wenig wie die Begriffe Klimatologie oder Meteorologie. Aber sie haben ihre Erfahrungen gesammelt und ausgewertet und daraus Regeln gebildet, die sich als Spruchweisheit in über 1.000 - und nicht in bloß 460 Beispielen wie der SPIEGEL meint - erhalten haben.

Der eigentliche Gedenktag ist aber nicht der 27. Juni sondern ungefähr der 7. Juli, denn die Wetterregel wurde vor der Gregorianischen Kalenderreform von 1582 aufgestellt, die zehn Tage ersatzlos gestrichen hat.

Die „Verortung” des bäuerlichen Wetterwissens erfolgte am liturgischen Kalender, der als ein absoluter Bezugspunkt über Jahrhunderte galt - Kalenderreformen hat es in der Kirchengeschichte selten so oft wie in unserem Jahrhundert gegeben (1955 und 1969). Heute findet man das Fest „Siebenschläfer” in keinem Kalender mehr. Und mancher wird deshalb vermuten, der Name des Tages leite sich von dem gleichnamigen Nagetier mit hohem (Winter-) Schlafbedürfnis ab. Das aber ist falsch.

Lange sind die Siebenschläfer als Heilige verehrt worden. Sie sind durch eine Legende in Erscheinung getreten, die Gregor von Tours (538 - 594) erstmals ins Lateinische übersetzt hat. Danach hatten sich in Ephesus sieben junge Christen - in griechischer Tradition Achillides, Diomedes, Eugenios, Kyriakos, Probatos, Sabbatios und Stephanos, in lateinischer Tradition Constantinus, Dionysius, Johannes, Malchus, Martinianus, Maximianus und Serapion - im Jahr 251 bei einer Verfolgung unter Kaiser Decius (249 - 251) in einer Berghöhle in Sicherheit gebracht. Dort wurden sie von ihren Häschern entdeckt, eingemauert und schliefen 195 Jahre. Am 27. Juni 446 wurden sie zufällig entdeckt, wachten auf, um den Glauben an die Auferstehung der Toten zu bezeugen, und starben wenig später. Die Legende, schon im 5. Jahrhundert literarisch fassbar, existiert in der Ostkirche in mehreren syrischen und griechischen Varianten und wurde zudem in andere orientalische Sprachen übersetzt. Sie fand neben anderen Legenden - mit Veränderungen - auch Eingang in den Koran (18. Sure). Legende und Kult der Siebenschläfer wurden in Deutschland während der Kreuzzugs- und Barockzeit populär. Bis in das 18. Jahrhundert hat es im Bistum Passau in Eichendorf, Pildenau und Rotthof Wallfahrten zu den heiligen Siebenschläfern gegeben. In Rotthof, an der Straße von Passau nach Eggenhofen gelegen, hat der berühmte Rokoko-Stukkateur Johann Baptist Modler aus Kößlarn 1758 die Berghöhle mit den Siebenschläfern nachgebaut. Von den Gläubigen wurden die Siebenschläfer als Patrone gegen Schlaflosigkeit (!) und Fieber angerufen.

Die heiligen Siebenschläfer und die Mutter Gottes auf einem Votivbild des 19. Jahrhunderts aus Süddeutschland aus dem Clemens-Sels-Museum in Neuss.

Ein aufgeklärter Mensch mag heute lächeln, wenn er eine solche Legende hört und die Schlussfolgerung vernimmt, die unsere Vorfahren daraus zogen: Siebenschläfer als Patrone gegen Schlaflosigkeit! Und die Kirche hat zu recht die Verehrung der heiligen Siebenschläfer, die bloß legendarisch überliefert sind, im Generalkalender gestrichen. Nicht gestrichen ist aber die „Wahrheit der Legende”: Selbst wenn das Böse über die Guten zu siegen scheint, führt Gott die Guten zum Sieg - aber auf seine Weise. Sieben Verfolgte überleben schlafend, bezeugen Gottes Größe und gehen dann in die ewige Seligkeit ein. Gott hat nicht nur die Regeln der Natur gemacht, er kann sie auch außer Kraft setzen, wenn und wann und wo er will. Das haben nicht nur unsere Vorfahren geglaubt, das glauben auch Christen heute. Mag die Legende der Siebenschläfer heute eher vergessen sein, mag man sich auch der Siebenschläfer selbst nicht mehr erinnern: die Wetterregeln halten den Namen wach und wecken vielleicht bei dem einen oder anderen die Neugier nachzuforschen.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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