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Weihnachten und der immergrüne Christbaum

Weihnachten und der immergrüne Weihnachtsbaum Von den weihnachtlichen Symbolfarben

Wenn heute in den politischen Nachrichten von „Rot-Grün” die Rede ist, käme niemand auf die Idee, einen Bezug zu Weihnachten zu vermuten. Das „Rot” der Sozialdemokratie und das „Grün” der Bündnisgrünen haben ihre eigene Symbolik. Dennoch ist zumindest das Grün der Grünen hergeleitet vom Grün der Natur. Und dieses Grün spielt im Religiösen auch eine und zwar eine ältere Rolle.

Im ursprünglichen Sinn bezeichnet „grün” das natürlich Frische, Wachsende. So erklärt sich auch die Redensart, nach der „ein Ding zu grün angefasst” werden kann, also noch unreif ist. Unerfahrenheit (z.B. „grüner Junge”, „grünes Gemüse”) geht seit dem 17. Jahrhundert auf diese Wertung zurück. Grün wird aber auch in unbedingt positiver Weise verwendet, z. B. in der Redensart von der „grünen Seite” („auf der grünen Seite sitzen”). Ursprünglich ist wohl damit allein die Herzseite, also das rechts von jemandem Sitzen, gemeint, später aber auch die „günstige, liebenswürdige Seite” eines Menschen. Jemandem „grün sein”, also ihm wohl gesonnen, günstig oder gewogen zu sein, steht im gleichen Deutungsfeld, obwohl der Begriff meist in negativer Form vorkommt: jemandem nicht grün sein (ndl. „niet groen zijn op iets”). Der älteste Beleg für den Gebrauch des Wortes in diesem Sinne stammt aus einem Passional von 675, wo es von der hl. Katharina heißt: „da die samenunge was gegen ir vil ungrune”. Wie jemand auf „(k)einen grünen Zweig” kommt, lässt sich unter Hinweis auf das Kranzsingen erklären. Möglicherweise geht dieses Bild zurück bis auf Hiob, wo es heißt (15, 32): „Bevor sein Tag kommt, welkt er hin, und sein Palmzweig grünt nicht mehr” (früher wurde z. T. übersetzt: und sein Zweig wird nicht mehr grünen).

Im Mittelalter wird Grün in der Form winterlichen Immergrüns zum Kennzeichen wieder erwachenden Lebens, zum Garant der Wiederkehr des Lichtes. Das Immergrün symbolisiert den noch nicht als Erlöser erkannten Neugeborenen, in dem die Heilszusage Gottes personifiziert ist. So wie im immergrünen Baum im Winter das Leben präsent ist, ist Gott noch unerkannt in seinem neugeborenen Sohn in dieser Welt schon wirksam.

Die christlichen Symbolfarben von Advent und Weihnachten sind Grün und Rot. Grün symbolisiert nicht nur die Hoffnung auf Lebenserhalt im dunklen Winter, sondern damit auch die Treue. Deshalb werden auch die symbolischen immergrünen Gewächse verwendet: Fichte, Tanne, Kiefer, Eibe, Buchsbaum, Ilex (= Stechpalme), Mistel, Stechginster, Wacholder, Efeu, Kronsbeere, Rosmarin. Rot erinnert an das Blut Christi, das er vergossen hat, damit die Welt erlöst werde. Die Farbkombination von Grün und Rot versinnbildlicht Christen also die übernatürliche Hoffnung. Die Farben prägen oft den Christbaum, Tischdekoration (vgl. Weihnachtsstern), Weihnachtspost und Verpackungsmaterial der Geschenke. Das Rot am Grünen nimmt Sterben und Tod Christi schon in seine Geburt hinein. Geburt und Tod des Erlösers werden als eine Einheit gesehen, weshalb in mancher Geburtslegende auch davon die Rede ist, das Holz des Kreuzes und das der Krippe stammten von ein und demselben Baum. Bei einzelnen Kripppendarstellungen taucht auch ein Kreuz in der Nähe auf.

In allen Kulturen und Religionen symbolisiert der Baum das Leben; deshalb sind Bäume Göttersitze, befinden sich heilige Orte in Hainen, entstehen Gerichtslinde und Maibaum. Auch in der Bibel spielen Bäume eine große Rolle: vom Adams- oder Paradiesbaum über den „Baum der Verheißung” bis zum Kreuzesbaum. Innerhalb der Liturgie tauchen Bäume und Zweige auf: bei sommerlichen Festen wie Fronleichnam die Maien frische Birken(-zweige) als Schmuck, dagegen Palmen-, Oliven- Buchsbaum- oder Weidenzweige als Ehren- und Huldigungszeichen oder als Segensträger. Immergrüne Bäume und Zweige im Winter waren schon in vorchristlicher Zeit Garant der Hoffnung, dass die Natur wieder erwacht, das Sonnenlicht wieder herrscht. Dämonische Vorstellungen verbanden sich mit diesem Grundgedanken: Die Lebenskraft der immergrünen Pflanzen sollte die Dämonen verscheuchen und gute Geister beherbergen. Im Mittelalter schmückte man Häuser und Kirche von Advent bis Lichtmess mit grünen Zweigen und immergrünen Girlanden („weyenacht meyen”). Die der ganzen Natur durch Christus zukommende Hoffnung, die in die dunkle, kalte und unerlöste Welt gekommen war, wurde damit verdeutlicht.

Der Christbaum hat seinen Ursprung im mittelalterlichen Krippenspiel in der Kirche. Vor dem eigentlichen Krippenspiel fand das Paradiesspiel statt, in dem gezeigt wurde, wie durch Adam und Eva die Sünde in die Welt kam, von der wir durch Christi Kreuzestod befreit wurden. Zu diesem Spiel gehörte ein immergrüner Baum als „Paradiesbaum” (auch Adamsbaum), von dem an der dramaturgisch bestimmten Stelle die „Frucht” gepflückt wurde. Diese Frucht war nach zeitgenössischem Denken ein roter Apfel. Mit den Jahren wurde der Paradiesbaum immer schmucker: (vergoldete) Nüsse, Festgebäck und Süßigkeiten machten die „paradiesische” Funktion des Baumes für die Gläubigen deutlich. In „Silber”papier und in „Gold”papier eingewickelte Früchte dieses Baumes sind so zu den Vorlagen für Christbaumkugeln und Christbaumschmuck geworden. Am Ende der Weihnachtszeit, dem 6. Januar, durfte der Paradies- bzw. Christ- oder Weihnachtsbaum geplündert werden, d.h. die Früchte wurden „geerntet”. Im 16./17. Jahrhundert taucht der Paradiesbaum außerhalb der Kirche auf: bei Gemeinschaftsfeiern von Zünften und Bruderschaften. Er hat sich vom Krippenspiel abgelöst, ist Symbol der Advent- und Weihnachtszeit.

Für 1605 ist in Straßburg der erste Christbaum belegt, der als Gabenbaum oder Bescherbaum, aber ohne Kerzen, hergerichtet war. In einer Chronik heißt es: „Auf Weihenachten richtett man Dannenbäume zu Strassburg in der Stubben auf, daran henckett man rossen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, flache kleine Kuchen, Zischgolt, Zucker ...” Diese neue Sitte fand nicht nur Freunde. Johann Konrad Dannhauer, Pastor am Straßburger Münster, polterte in einem ab 1642 erschienenen Werk dagegen: „Unter anderen Lappalien, damit man die alte Weihnachtszeit oft mehr als mit Gottes Wort begeht, ist auch der Weihnachts- und Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet, denselben mit Puppen und Zucker behängt und ihn herinach schütteln und abblümeln lässt. Wo die Gewohnheit herkommt, weiß ich nicht. Es ist ein Kinderspiel ...” Dennoch galt der Christbaum sehr bald in evangelischen Familien als weihnachtliches Symbol „rechtgläubiger” Protestanten. Er wurde zum konfessionellen Gegensymbol der (katholischen) Weihnachtskrippe. Im 18. Jahrhundert, als die Weihnachtsfeiern zunehmend zu Familienfesten wurden, wandert der Christbaum fast konsequenterweise mit in die Wohnungen auch der einfacheren evangelischen Menschen. Für 1748 ist der erste Weihnachtsbaum in Amerika bei Siedlern in Pennsylvanien belegt. Eingeführt haben ihn die nach Amerika „vermieteten” hessischen Soldaten. Der mit Lichtern geschmückte Christbaum - die Lichtsymbolik verbindet Ostern und Weihnachten - scheint nicht überall und immer sofort mit dem Christbaum verbunden gewesen zu sein. Der preußische König Friedrich der Große (1740 - 1786) berichtet 1755 von Tannenbäumen, an denen die Eltern „vergoldete Erdäpfel” (= Kartoffeln) aufhängen, „um den Kindern eine Gestalt von Paradiesäpfeln vorzuspiegeln”.

Einen der ältesten Belege für einen Christbaum mit Lichtern - hier noch ein Buchsbaum - liefert Liselotte von der Pfalz (1652 - 1722) in einem Brief vom 11.12.1708: „Ich weiß nicht, ob ihr ein anderes Spiel habt, das jetzt noch in ganz Deutschland üblich ist; man nennt es Christkindel. Da richtet man Tische wie Altäre her und stattet sie für jedes Kind mit allerlei Dingen aus, wie neue Kleider, Silberzeug, Puppen, Zuckerwerk und alles Mögliche. Auf diese Tische stellt man Buchsbäume und befestigt an jedem Zweig ein Kerzchen; das sieht allerliebst aus und ich möchte es heutzutage noch gern sehen. Ich erinnere mich, wie man mir zu Hannover das Christkindel zum letzten Mal [= 1662] kommen ließ.” Mit brennenden Kerzen bestückte Christbäume finden sich erst bei protestantischen adligen und wohlhabenden bürgerlichen Familien, Erst im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts tauchen die Lichterbäume zunächst in den Wohnstuben evangelischer Familien und ab dem 19. und 20. Jahrhundert in den Wohnzimmern katholischer Familien auf. In Österreich steht 1816 der erste Weihnachtsbaum, in Frankreich 1840 - nachdem Lieselotte von der Pfalz 1710 vergeblich die Einführung versucht hatte. Durch den deutschen Prinzgemahl Albert der britischen Königin Victoria (1837 - 1901) fand der Weihnachtsbaum auch nach England.
Von der Sitte, am Nachmittag des Heiligabends auf den Gräbern kleine Christbäume mit Kerzen aufzustellen, wird Ende des 19. Jahrhunderts erstmalig berichtet. Der in Bayern, Österreich und im Elsaß verbreitete Brauch nimmt die Toten in die menschliche Schicksals- und Festgemeinschaft mit hinein.

Da in DDR-Zeiten den dortigen Gewalthabern weder Christ- noch Weihnachtsbäume - wobei der Begriff Weihnachtsbaum schon eine deutliche Reduzierung vom Festanlass zum puren Festtag darstellt - passen konnten, haben die Ideologen dem Christbaum einfach eine passende Geschichte und einen neuen Namen zugeschustert. Zunächst schnitten sie die gesamten christlichen Wurzeln des Christbaumes radikal ab und erklärten seine Vergangenheit nur noch als Festbaum der Zünfte, der zum Kinderbaum geworden sei. Eben deshalb habe ihn die Sowjetunion 1935 zu Silvester als Gabenbaum eingeführt. Natürlich war in der DDR der Christbaum als „Christ”baum untragbar: Er wurde in Schmuckbaum umbenannt. Schon die Nazis hatten den Christbaum nur noch als Weihnachts- oder Tannenbaum durchgehen lassen.

Berühmte Christbäume stehen auf dem Petersplatz in Rom und auf dem Trafalgar Square in London. Der Papst erhält jedes Jahr einen Weihnachtsbaum für den Petersplatz zum Geschenk. Den berühmten Londoner Weihnachtsbaum erhalten die Engländer jedes Jahr aus Oslo zum Geschenk. Die Norweger erinnern damit jährlich an ihre gemeinsame Waffenbrüderschaft gegen die deutschen Nationalsozialisten. 1995 wurden in Deutschland für Weihnachten 22 Millionen Bäume im Alter von acht bis zwölf Jahren im Marktwert von 400 Millionen DM geschlagen.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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