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Von Maialtären, Maibäumen, Liebesmaien und anderen Bräuchen

„Wer auf Narren hoffend blickt, wird in den April geschickt” – Der 1. April - ein Tag der Narren und Einfältigen

Der Monatsname „April“ und der 1. April als Unglückstag
– Das „April schicken“ als Brauch
– Der Aprilnarr
– Typologie des Aprilscherzes
– Medial inszenierte Aprilscherze
– Spottverse auf den Aprilnarren
Entschädigung für den Aprilnarren
Zum Ursprung des Aprilscherzes
Der Aprilscherz als eine Methode der Aufklärung?
Der Aprilscherz und die Religion
Fazit


Wer auf den 1. April zu einem Vortrag über das „April schicken“, wie dieser Brauch im 17. bis 19. Jahrhundert genannt wird, aufgefordert wird, und sei es durch ein solch seriöses Unternehmen wie das „Amt für Rheinische Landeskunde Bonn“, muss nachdenklich werden: Soll man etwa selber in den April geschickt werden? Vielleicht nicht der Referent, sondern sein Publikum? Wer weiß schon, was wirklich hinter dem heutigen Auftrag steht! Also Obacht, damit hoffentlich keiner hinten Ihnen oder mir „April, April“ rufen kann.

Der Monatsname „April“ und der 1. April als Unglückstag

Konventioneller Aprilnarr im angelsächsischen Raum

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Der aus dem Lateinischen genommene Monatsname „Aprilis“ soll nach Ovid den Namen von aperire = öffnen haben, weil der Frühling alles öffnet. Weder erklärt dieser Monatsname das mit dem 1. April verbundene Brauchtum, noch tun dies die alternativen Monatsnamen: Ostermonat (Ôstarmânôth), ags. Eósturmônath, Koltenmaen (im holsteinischen (Bordesholmer) Kalender (16. Jh.), nordfries. Feskmuun (Fischmonat), und Puaskmuun, älter Paeschmaend (Ostermonat), in den Niederlanden Grasmaand, im Dän. heißt der April Faaremaaned (Schafmonat), im schwed. Vårant oder Vårmånad, und isl. Gaukmânadr, neuisl. Harpa. Gauchmonat, wie der April auch genannt wurde, scheint sich auf den Kuckuck zu beziehen, der sich um diese Zeit als Frühlingsbote hören lässt. Erwähnt werden außerdem noch die Bezeichnungen Hirtenmonat, Marxmonat (Markus, 25. April) und Stiermonat. Der letzte Begriff ergibt sich wohl, weil im April die Sonne in das Zeichen des Stieres tritt.

Auch die Personifikation des Aprils, die in der neuisl. Harpa, in Volkserzählungen und in Wettersprüchen begegnet, bringt keine Lösung: Der so dargestellte April führt niemanden aufs Glatteis. Er wird nur als „Lämmerfresser“ präsentiert, also als ein Monat, der manch neu geborenes Lamm noch das Leben kosten kann.

Vielfach gilt aber der erste Tag eines Monats als Unglückstag, drei davon sogar als die unglückintensivsten. An erster Stelle gilt dies wiederum für den 1. April. Als Begründungen werden angeführt: An diesem Tag wurde Judas Iskariot geboren, an diesem Tag erhängte sich Judas Iskariot, an diesem Tag fand der Himmels- oder Engelsturz statt, bei dem Satan aus dem Himmel gestoßen wurde. Die beiden anderen sind übrigens der 1. August, der auch als Tag des Engelssturzes gilt, und der 1. Dezember, weil an diesem Tag Sodom und Gomorra durch Feuer vernichtet worden sein sollen. Bei den verschiedensten Auflistungen von Unglückstagen, meist etwa 40 Tage oder 6 Wochen im Jahr, fehlt der 1. April selten.

Nährboden für die Annahme von Unglückstagen bot die Tradition der „dies senatus legitimi“, die von Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) eingesetzt worden waren, die „dies aegyptiaci“, die zu einem späteren Zeitpunkt in Rom entstanden, sowie andere Quellen, die sich durch Astrologie oder andere Prognostik nährten. Auf sie gehen auch die „Verworfenen Tage“ zurück, die „Schwendtage“, die „kritischen Tage“ oder die „Schicksalstage“. Je nachdem, ob sich eine solche Gruppe mehr auf die „dies senatus legitimi“ oder die „dies aegyptiaci“ berief, war der 1. April enthalten: In der altrömischen Auflistung stand der 1. April, in der späteren der 3. April.

In Spanien verulkt man sich übrigens am 28. Dezember, dem Día de los Santos Inocentes (Tag der Unschuldigen Kinder). 1978 trat aus diesem Grund die neue spanische Verfassung erst am 29. Dezember in Kraft und nicht, wie ursprünglich geplant, am Tag zuvor. In Deutschland war der 28. Dezember einmal Kinderbeschenktag und verbunden mit dem Kinderbischofsspiel, dem ludus episcopi puerorum. Auch dies Spiel hat Närrisches an sich, denn das Kleine wird Groß und das Große klein.

Das „April schicken“ als Brauch 

Ein Aprilnarr wird von einem „Klugen“ aufgeklärt, nachdem er ein Fantasiegerät hat beschaffen müssen. Ende 19. Jh.

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Auch wenn das erste „April schicken“ in Bayern für 1618 und im restlichen Deutschland für 1631 belegt ist, wird vielfach nicht ohne Grund vermutet, der Brauch sei sehr viel älter. Er lässt sich nämlich im gesamten indogermanischen Siedlungsraum nachweisen.

Das Wort „Aprilnarr“ findet sich in Deutschland erstmals in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert formuliert Abraham a Santa Clara schließlich in „Etwas für alle“ (1733): „Heut` ist der erste April, da schickt man den Narren wohin man will.“ Der Brauch taucht dann in der Literatur auf, so z. B. Göttingen 21749 im siebenbändigen englischen Roman „Clarissa Harlowe“ von Samuel Richardson (1689 – 1761), übersetzt von J.D. Michaelis. Hier heißt es: „... sie werden jene dadurch April schicken.“ An einer zweiten Stelle ist formuliert: „So hat sie mich April schicken wollen.“ Und im Mozartjahr mag es uns freuen, dass auch dieses Genie einen Beleg für den Brauch bietet: In „Die Gärtnerin aus Liebe“ sagt 1780 Nardo zu Podestà über Serpetta: „Glaubt nicht an die Lügen des losen Mädchens, sie will euch schicken in den April!“ Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) greift das Thema auf: „Willst du den März nicht ganz verlieren, so lass nicht in April dich führen. Den ersten April musst überstehen, dann kann dir manches Gute geschehen.“ Eine Variation dazu bietet die Schweiz. Der Tessiner Bundesrat Stefano Franscini (1796 – 1857) schreibt 1835 statt vom „April schicken“ als „in die Kalenden schicken“. Jean Paul (1763 – 1825, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter) benennt den Brauch in seiner Geschichte „Das heimliche Klagelied der jetzigen Männer“ als „in Aprilnarrenhaus verlaufen“.

Das Wort „Aprilscherz“ scheint allerdings erst im 19. Jahrhundert aufgekommen zu sein. Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm kennt diesen Begriff noch nicht. Das Verbalsubstantiv zum Verb „scherzen“ entspricht dem lateinischen jocus; es ist entlehnt aus dem Tierreich, wo es ursprünglich die Munterkeit und das Springen der Tiere bezeichnet. Auf den Menschen übertragen nimmt es die Bedeutung von Munterkeit und lustiges Wesen an und wird zu fröhlichem Tun. 1578 formuliert Sachs:
„ ... darinnen eines jeden hertz
dem andern mög wollust und schertz
für schertz und wollust wieder geben.“

Oder bei Weckherlin heißt es in einem Brautlied: 
„... so oft ihr mund, zu dem er seufzend eilte,
kusz, scherz und schwur mit seinen lippen theilte.“

Diese liebeständlerische Variante des Wortgebrauchs wird erweitert um Witzwort, witzige Rede, die eine Posse, Belustigung oder Zote voraussetzt. Das Wort bekommt die Bedeutung von boshaftem Scherz und die Qualität des Geringfügigen, vgl. J.W. v. Goethe:
„... auf ebnem boden traucheln ist ein scherz,
ein fehltritt stürzt vom gipfel dich herab.“

Erweitert wird der Wortsinn noch im Sinne von Spott und Scherzen, die sich nicht ziemen. Epheser 5, 4 lautet heute:
„Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schickt sich nicht für euch, sondern Dankbarkeit.“  

Entsprechend lautete dieser Text im 19. Jahrhundert noch:
„Lasset uns doch der eltern autoritet, gewalt und gehorsam nicht ein schertz sein.“

Luther formulierte nach den Tischreden:
„Das man dis gebot für allen dingen gros und hoch achte und in keinen schertz schlage.“

Bei Gryphius heißt es:
„Du sollst von deinem Leben, / an welchem nichts als fauler schertz / und schwarze Flecken kleben, / genaue Rechnung geben.“

Mark Twain sah den 1. April selbstkritisch als er notierte:
„The first of April is the day we remember what we are the other 364 days of the year.“

Während der „Aprilsscherz“ eine Formulierung des 19. Jahrhunderts ist, kann das „April schicken“ seit dem 17. bis in das 19. Jahrhundert belegt werden. Seit dem 19. Jahrhundert heißt es dann „in den April schicken“. Im Mittelpunkt des Brauchs steht der „Aprilnarr“, wobei nicht endgültig geklärt ist, wer er ist, denn zum „April schicken“ gehören zwei: Einer, der sich schicken lässt, und einer, der schickt. Gewöhnlich wird der, der sich schicken lässt, als Aprilnarr bezeichnet, gleichwohl er ja auf den (hoffend) blickt, der ihn schickt. Nach Abraham a Santa Clara blickt er auf einen Narren. Aber weil die klassischen Narren sich nur selber sehen – im Spiegel oder der Marotte – muss man diesen Seitenweg nicht gehen.

Im Angelsächsischen heißt der 1. April „All fools’s day“ (Aller Narren Tag) und das Aprilschicken „making an April fool“ (einen Aprilnarren machen).

Der Aprilnarr 

Der Aprilnarr ist keineswegs der klassische Narr – weder ein Hofnarr des Mittelalters oder der Klassik (lat. scurrae) noch ein selbst gemachter Narr, ein Schalknarr, in der Fastnacht, der nach Psalm 53, 2 einen Gottesleugner spielt, weil er in seinem Herzen sagt: „’Es gibt keinen Gott.’ Sie handeln verwerflich und schnöde; da ist keiner, der Gutes tut,“ konstatiert die Bibel. Der Aprilnarr taucht weder mit der Gugel noch mit Pauken und Schellen auf oder produziert Heidenspektakel. Er scheint völlig normal zu sein.

Prägend für den Aprilnarren ist jedoch heute,

  • dass er sich übertölpeln lässt und / oder zugleich

  • ein naiver oder einfältiger Mensch ist, was primär nach landläufiger Meinung auf Lehrlinge/Auszubildende zuzutreffen schien.

Konventioneller Aprilnarr im angelsächsischen Raum

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Narr ist er also heute nicht, weil er sich freiwillig zu einem solchen erklärt, wie der Fastnachtsnarr. Im Gegenteil, er will überhaupt nicht närrisch sein. Er lässt sich aber dadurch zum Narren machen, dass er einen Narrenauftrag, später Aprilscherz genannt, als solchen nicht erkennt. Solange dies aber unbekannt bliebe, hätte es keinen Effekt. Darum gehört das Bekanntmachen der Eselei durch den Initiator des Aprilscherzes notwendig dazu.

Der Aprilnarr heißt synonym auch Aprilgeck er Apriljeck. Dieser über den lat. jocus entstandene und mit dem neudeutschen Jux verbundene Begriff hat im Englischen den „gock“, auch „April fool“ ausgebildet. In den romanischen Ländern ist der Fisch das Bild für den Aprilnarren: In Frankreich der „poisson d’Avril“, in Italien „il pesce d’aprile“. Der Fisch, der sich an den Haken locken lässt, wenn ihm der Köder passt, erscheint als ein dummes Tier, das sich leicht hereinlegen lässt. Das gilt auch für die übrigen Tiere, mit denen man die Aprilnarren bedenkt: Aprilaffe, Aprilbock, Aprilesel, Aprilkalb, Aprilochse oder, ganz allgemein, Apriltier. Als personifizierter Aprilscherz kann der Aprilnarr auch selber als „Aprilscherz“ tituliert werden.

Typologie des Aprilscherzes

Überraschung zum 1. April

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Zunächst muss festgehalten werden, dass es den Aprilscherz nicht gibt, weil er in sehr verschiedenen Ausformungen besteht. Differenzieren kann zwischen folgenden Erscheinungen:

  1. Ein imaginäres Objekt wird wortlos angestarrt oder man zeigt auf ein solches. Vorübergehende, die sich zum Mitbetrachten verleiten lassen, werden durch eine Bezeichnung wie „Raumschiff“ oder Ähnliches gebunden – dann aber als Aprilnarren verlacht.

  1. Unter einem Vorwand macht man seinem Opfer das Gesicht schwarz oder weiß oder man hängt seinem Opfer unbemerkt etwas auf den Rücken: einen Zettel z. B. mit der Bezeichnung „Aprilnarr“ oder im Angelsächsischen „April fool“ oder mit einem gemalten oder einem aus Pappe gefertigten Fisch. In Portugal wird man dagegen mit Wasser bespritzt oder es wird einem ein Pulver ins Gesicht geblasen.

  1. Ein zum Verzehr bestimmtes Objekt wird präpariert und unauffällig dem potentiellen Opfer angeboten: ein mit Senf gefüllte Praline, ein Berliner Ballen, der statt Marmelade Chilisauce enthält, es wird ein Schnaps angeboten, der sich als klares Wasser entpuppt ...

  1. Das Opfer wird durch Ekliges überrascht. In seiner Anwesenheit schlägt man die Bettdecke auf und entdeckt entsetzt ein ansehnliches und zugleich markantes bräunliches Häufchen, das man allerdings in Form von Plastik zuvor selbst dort deponiert hat. Die Plastikindustrie bemüht sich mit Erfolg, ähnliche Wirkungen mit Schlangen, Mäusen, Spinnen oder Vergleichbarem zu erzeugen. Einfacher, aber nicht minder wirkungsvoll ist es, eine Türklinke, die man morgens mit nahezu noch geschlossenen Augen notwendigerweise zu öffnen gezwungen ist, mit Zahnpasta kräftig zu präparieren.

  1. Das Opfer wird mit einem exklusiven und höchste Geschicklichkeit voraussetzenden Auftrag ausgesandt. Es gilt eine äußerst seltene Spezies einzufangen, die nur durch besondere Aktionen zu überlisten ist: ein als außerordentlich rar und kostbar beschriebenes Pelztier oder einen Vogel ist einzufangen, für dessen Ergreifen eine vielleicht etwas merkwürdige, dafür aber „unfehlbare“ Methode angewandt werden muss. Die Tiere heißen Bäwer, Elbtritsche, Rasselbock, Dieldapp, Dölpes, Lämmes, Lemkes, Girike, Ellgriesli, Greiß, Schavakke, Trappen oder Wolpertinger. Dass diese Tiernamen Synonyme für die Begriffe „Tölpel“ oder „Dummkopf“ sind, merken die mit List erwählten Fangbeauftragten meist zu spät. In Norddeutschland gibt es das keineswegs ungefährliche Bunsen oder Bucksen jagen. Die „Buckse“ (= Hose) wird vor eine Öffnung gehalten, durch die das wertvolle Tier schlüpfen soll. In Wirklichkeit wird eine Schaufel Mist durch die Öffnung geworfen. In Ostpreußen wurde der Rosenbock gejagt; dabei wird dem Halter eines Fangsackes ein Eimer Wasser über den Kopf gegossen.

  1. Man überrascht sein Opfer mit etwas, was er angeblich übersehen oder überhört hat: „Es hat an der Tür geklingelt“, „Dein Auto hat hinten aber einen Platten“ oder „Dein Hosenstall steht auf“, „An Deiner Jacke fehlt ein Knopf“, „Dein linkes Schuhband ist offen“.

  1. Dem Opfer schreibt man als Aprilscherz einen Brief z. B. mit dem Inhalt:

      „Hättest Du den Brief nicht aufgemacht,
      so würdest Du auch nicht ausgelacht.“

  1. Man publiziert per Zeitung, Radio, Fernsehen oder E-Mail die Information, zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem definierten Ort werde am 1. April etwas Besonderes geschehen. Das Angekündigte muss entweder die Neugier befriedigen oder unter dem jederzeit modernen Gesichtspunkt „Geiz-ist-geil“ Vorteile bieten. Scherze dieser Art haben für Medien den Vorteil, dass sie gleich zwei Möglichkeiten der Berichterstattung beinhalten: die Ankündigung des Ereignisses und den Bericht über die Hereingelegten.

  1. Die häufigste Art des Aprilscherzes ist aber noch immer das „in den April schicken“. Es gilt einen Narrenauftrag zu erfüllen, bei dem ein bestimmtes, mehr oder minder kostbares oder seltenes Objekt beschafft werden muss. Und deren gibt es viele. Objekte, die zu beschafft werden sollen, sind

      Hühnerzähne, Taubenmilch, Krebsblut, Dukatensamen, Büberlsamen, Ipitum (= Ich bin dumm) oder Ohwiedumm, Augenmaß, Mückenfett, Hahneneier, Gänsemilch, gedörrter Schnee, Stecknadelsamen, schwarze Kreide, Buckelblau oder Haumichblau, rosagrüne Tinte, gerade Häkchen, gehackte Flohbeine, Kuckucksöl, gesponnener Sand, Kieselsteinöl, Mystifit ...   

Die zunehmende Technisierung spiegelt sich in anderen Objekten:

      Hölzerne Holzschlägel, Dachschere, Betonhobel, Gewichte für die Wasserwaage, Böschungshobel, Drei-Wege-Antenne, von außen verstellbare Innenspiegel, ein Globus von Europa ...

Es konnte auch der Auftrag erteilt werden, einen Windsack zu besorgen. Dem Aprilnarren in spe überreicht wurde dann ein mit Stroh gefüllter Sack, in dem etliche Wackersteine verborgen waren, so dass der Wind von bemerkenswertem Gewicht war.

  1. Eine – vor allem in angelsächsischen Landen - beliebte und wahrscheinlich ältere Variante dieser Form des in den Aprilschickens ist das Entsenden eines Boten mit Brief, in dem einem Adressaten mitgeteilt wird: „On the first day of April hunt the gowk another mile!“ Der närrische Bote wird also immer weiter gesandt, bis er sein Angeschmiertsein erkennt. In Nagold in Württemberg schickt man Kinder in die Häuser mit einem Zettel, auf dem steht: „Aprilenbot’, Aprilenbot’! Schick’ den Narren weiter, gib ihm auch ein Stückchen Brot, dass er nit vergebens goht“. In Teilen Deutschlands heißt der 1. April deshalb auch „Versendungstag“.

Medial inszenierte Aprilscherze

Typ des Aprilscherzes in den 50-er und 60-er Jahren: Ein verwaschenes Foto eines Aliens.

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Das Medienzeitalter bringt es mit sich, dass der Aprilscherz Gegenstand der Medien wird. Alle Varianten sind dabei denkbar: Es wird zu einem Treffen eingeladen, das sich als Aprilscherz herausstellt, es werden Berichte und Fotos vorgelegt („Außerirdische“), die Leichtgläubige für wahr halten usw.

  • Der älteste Aprilscherz in einer Zeitung wurde am 1. April 1774 in Deutschland veröffentlicht. Was damals Ulk war, ist zwar heute längst machbar. Aber die damals angepriesene Methode hat noch immer Witz: Erklärt wurde, wie man nicht nur Ostereier, sondern auch Hühner in allen möglichen Farben züchten könne. Man brauche nur die Umgebung der Hühner in der jeweils gewünschten Farbe anzustreichen, damit sich Hühner entsprechend anpassen.

  • Ein bekannter Astronom erklärte eines Morgens in der BBC, dass genau um 9.47 Uhr aufgrund einer Konstellation, in der der Pluto exakt hinter dem Jupiter stünde, die Erdanziehung stark sinken würde. Er riet den Zuhörern, genau in dieser Minute hochzuspringen, da man dann für einige Augenblicke schweben könne. Das Experiment fand seine Probanden. Hunderte von Anrufer bestätigten der BBC ihren Erfolg. Die Erfolgsmeldungen ließen erst nach, nachdem auf den Tag der Sendung, den 1. April, verwiesen wurde.

  • Unter dem Druck der Aktualität, der Konkurrenz und der Einschaltquote präsentieren sich Medien schnell auch im Zwielicht. RTL lieferte so 1999 seinen obligatorischen „Aprilscherz“ schon am 31. März nachmittags in der damaligen Talkshow von Hans Meiser. Während der laufenden Show warf eine Frau die Urne mit der angeblichen Asche ihres verstorbenen Freundes auf den Studioteppich. Die geplante Inszenierung des humanen Ascheregens wurde erst zum Ende der Sendung als „Aprilscherz“ entlarvt.

  • Vielleicht muss man nicht einmal Wähler der Grünen sein, um gegen Atomstrom Vorbehalte zu haben. Um sich aber einen „Atomstrom-Separator“ andienen zu lassen, braucht es mehr. Das Gerät, so die Anbieter, ermöglicht es, den Strom von Atommeilern von dem der Windkraftwerke zu trennen, damit man zu Hause nur mit „richtigem“ Strom arbeitet. Es soll sich eine rege Nachfrage entwickelt haben.

  • Am 1. April 2003 schrieb die Stuttgarter Zeitung, dass die Aldi-Kette plane, in Zukunft Benzin in ihren Filialen zu verkaufen.

  • Der Zürcher Tages-Anzeiger beschrieb glaubwürdig in einem ganzseitigen Bericht, dass und wie viele Abfälle die Fahrgäste gerne in den Straßenbahnen zurücklassen. Der Zürcher Verkehrbetrieb plane deshalb, einen besonderen Anhänger anzuschaffen, in dem man jederzeit gegen Gebühr seinen Abfallsack einwerfen könne.

  • Immer wieder beliebt ist die von internationalen Nachrichtenagenturen verbreitete Warnung zum 1. April vor dem Umweltgift Dihydrogen-Monoxid (H20), einem Hauptbestandteil des Sauren Regens, das in Tumoren und Kernkraftwerken zu finden sei und beim Einatmen tödlich wirke.

  • Vor ein paar Jahren bat der Radiosender Schleswig-Holstein (R-SH) um eine „Wasserspende“, da der Nord-Ostsee-Kanal auszulaufen drohe. Es sollen wirklich Hunderte mit Wassereimern „gespendet“ haben.

  • Die Umbenennung einiger Magdeburger Landkreise im Rahmen einer Gebietsreform stand bei der Volksstimme Magdeburg 2005 zur Diskussion. Bewerber müssten allerdings für die Nennung des Firmennamens bezahlen, konkret seien die Bezeichnungen „Henkel-Kreis Jerichower Land“ und „Hasseröder Harzkreis“ bereits vergeben.

  • Der Hager Versicherungsverein machte sich 2005 Gedanken zur ökologischen Lage und bot eine Versicherung gegen die Folgen möglicher Fahrverbote durch Feinstaubbelastungen an. Als Ersatzfahrzeug könnten die Versicherungsnehmer zwischen einem Fahrrad mit Dreigangschaltung, einem Rennrad (für Fahrer von Sportwagen), einem Satz Inline-Skater (nur in Verbindung mit dem Abschluss einer Unfallversicherung), einem Tretroller (nur für Besitzer eines Citroen 2 CV) oder einer Sänfte mit Träger wählen.

Auch neue Technik bietet immer wieder eine Fülle reizender Möglichkeiten:

  • Im Internet wurde Gregor Gysis neuestes Buch zum Download als „PDS-Datei“ angeboten.

  • Bahnbrechend die Neu-Entwicklung des WDR: Er bot 2001 die erste Schnüffel-Website an, auf der Fotos von Rosen oder vollen Aschenbechern nicht nur betrachtet, sondern auch beschnüffelt werden konnten.

  • Die Pressemitteilung einer Internetfirma, wonach eine neue Geldkarte entwickelt sei, die sich durch Radiowerbung auflade, fand gleichfalls massenhaftes Interesse.

  • Fassungsloses Erstaunen hat bei vielen NDR-Hörern 2003 der Anruf einer Gärtnerin aus dem Dorf Rogahn am 1. April hervorgerufen. Sie behauptete mit vollendeter Chuzpe, bei bestimmten Wetterbedingungen könne sie auf ihrem Acker den NDR empfangen: allein mit Hilfe ihres Kaffeelöffels.

Manchmal haben Aprilscherze Nebenwirkungen:

  • Das Basler Radio Edelweiss (heute: Radio Basel 1) meldete am 1. April 2003, das Basler Fußballstadion würde bis zur EM 2008 um 10.000 Plätze erweitert. Was vom Radio als Aprilscherz gesendet und den Hörern als solcher wahrgenommen wurde, entwickelte sich völlig anders. Der Stadionmieter FC Basel nahm das Anliegen des Senders ernsthaft an und erreichte in kürzester Zeit, dass das Stadion wirklich vergrößert wurde. Das Basler Stadion hat auf diese Weise statt des Stade de Suisses in Bern die Rolle des Nationalstadions der Schweiz übernommen.

Und manchmal kommen die Aprilscherze sogar von der Kanzel:

  • Vor Jahren hatten wir zu Hause eine kernige niederrheinische Haushilfe, die die Welt stets unaufgefordert, dafür aber herb-sittlich und ausgesprochen subjektiv bewertete. Als ich an einem Tag nach Hause kam, empfing sie mich mit dem keineswegs als Kompliment gedachten Satz: „Ich hann Se im Fernsehen jesinn.“ „Nun ja,“ sagte ich, das kommt bei meiner Tätigkeit schon einmal vor.“ „Äwer,“ konterte sie, „Sie hann jelooge. Sie hann jesacht, die Kirch muss spare. Äwer datt stimmt nit.“ Auf meine Rückfrage, wieso das denn nicht stimme, verwies sie auf ihre Kirchengemeinde, unsere Nachbargemeinde, in der auf der Grenze zu der Gemeinde, die der Pfarrer mitbetreue, eine neue Kirche gebaut werde, obwohl die alte Dorfkirche gerade renoviert worden war. Als ich antwortete, davon wisse ich aber nichts, hielt sie mir Unwissenheit vor. Der Erzbischof habe sich schon zur Grundsteinlegung angesagt und das müsse ich doch schließlich wissen. Ich habe anderntags die kirchliche Behörde auf den Kopf gestellt: Niemand wusste von einem solchen Vorgang. Schließlich habe ich den Pfarrer von St. Jakobus d. Ä. in Neukirchen und St. Sebastian in Hülchrath angerufen. Der fiel aus allen Wolken, weil der Sachverhalt schon bei mir angekommen war. Und er erklärte sich: Weil er sich ständig darüber ärgert, dass die Hülchrather ihm zuviel Engagement in Neukirchen  und die Neukirchener zuviel Engagement in Hülchrath vorwarfen, habe er an einem Sonntag mit dem 1. April als Datum in seiner Predigt  den Neubau von St. Jakobassa angekündigt, damit dieser Zank ein Ende habe. Er habe dies unter Hinweis auf den 1. April getan und stelle nun verwundert fest, dass auch die Erwähnung des Narrentages einige nicht davon abgehalten habe, sich zum Narren zu machen.

  • Gerne werden Aprilscherze auch medial in Form von Witzen kolportiert. Einer von der Sorte „makaber“ lautet: Fritzchen zu seiner Mutter: „Mami, Mami, Papa hat sich aufgehängt!“ Mutter: „Wo denn?“ Fritzchen: „Auf dem Dachboden.“ – Mutter und Fritzchen gehen auf den Dachboden. Mutter: „Da ist er aber nicht.“ Fritzchen: „April, April, er hängt im Keller.“

Der Bericht über die Auswirkung eines Aprilscherzes kann selbst wieder zu einem Aprilscherz mutieren, wie die nachfolgende Erzählung, die in der Literatur kolportiert wird, belegt: In einer ungarischen Stadt nahmen sich im 19. Jahrhundert zwei Frauen, Mutter und Tochter, das Leben. Unter dem 1. April war ihnen aus Budapest berichtet worden, dass ihr dort eingerückter Sohn respektive Bruder vom Militärgericht zum Tode verurteilt worden sei, weil er mit abgetretenen Schuhabsätzen herumgelaufen sei.

Cover der CD mit der angeblichen wiederentdeckten Schubertkomposition, die am 1. April 1997 uraufgeführt wurde

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Den wohl weltweit aufwändigsten Aprilscherz hat sich Dr. Ulrich Harbecke, damals Leiter der Programmgruppe Religion/Philosophie im WDR-Fernsehen, am 1. April 1997 geleistet. Für diesen Tag angekündigt war „die Welt-Uraufführung einer bisher unbekannten und unter abenteuerlichen Umständen wiederentdeckten Komposition von Franz Schubert, kein schlichtes Gelegenheitswerk, kein ‚Moment musical’, sondern eine ausgewachsene Messe in C-Dur für Soli, Chor und Orchester, ein ,Bekenntniswerk großen Stils’ das mit einem Schlage alle Werkverzeichnisse und Biografien des Wiener Meisters alt erscheinen lasse“. Die angesichts einer Welturaufführung eines Klassikers vibrierende Schar musikalischer Gourmets war entzückt: Im Schubertjahr hatten sie miterlebt, wie ein klassisches Werk des Meisters, voll überraschender Harmonien, von zartem Schmelz bis zu dramatischen Bögen, wie Dornröschen zum Leben wach geküsst wurde.

Am 2. April gab der Sender dann bekannt: Das Werk war das Ergebnis einer Wette, ob es gelänge, ein musikalisches Werk zu verfassen, das auf unbefangene Zuhörer eine Wirkung ausübe, wie ein klassisch-romantisches Werk - ein hintergründiges Experiment „am lebenden Objekt“. Und wirklich, im Nachhinein: Was hat der Zuhörer gehört? Hört man unter der Annahme bestimmter Fakten anders? Prägt die Erwartungshaltung das Dargebotene derart, dass eine kritische Rezeption unterbleibt? Zwar glühten am 2. April die Telefondrähte, aber richtig böse war nur eine Anruferin, die allerdings die offenbarte Wahrheit leugnete: Da habe dieser Harbecke nun eine echte Schubert-Partitur gefunden und wolle sie nun unter seinem eigenen Namen veröffentlichen. Vom Fernsehen sei man ja schon einiges gewöhnt. Das sei aber nun wirklich der Gipfel!

Spottverse auf den Aprilnarren

Aprilscherz

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Wir hatten schon festgehalten, dass es für den Brauch nicht reicht, sich zum Esel zu machen. Es muss auch der Welt verkündet werden. Hierzu gehört das Verhöhnen, das wiederum in Formeln stattfindet. „April, April“ lautet die Grundformel, mit der der Öffentlichkeit die Narretei angezeigt wird. Eine Kaskade weiterer Spottverse kann sich dann über den Angeführten ausgießen:

April, April, de Katz schitt, watt se will.

Angeführt, mit Butter geschmiert, mit Käse geleckt, hat`s gut geschmeckt?

Angeführt mit Löschpapier
morgen kommt der Unteroffizier
mit der Peitsche hinter dir.

Heute ist der 1. April, da schickt man die Narren, wohin man will.

Aprilgeck,
steck’ die Nas’ in de’ Kaffeedreck.

Aprella-Narr!
Hätsch net g’schaut,
wärscht kei Narr!

Am 1. April
schickt man die Narren,
wohin man will.

Das ist ein Narr, der sich nimmt an,
was er nicht vollbringen kann!

Mit Narren ist schlimm spaßen.

Wer einen Narren schickt,
dem kommt ein Tor wieder.

Aprilnarr
bleibt ein Narr
bis auf ein Jahr.

Wer auf Narren hoffend blickt,
der wird in den April geschickt!

Wenn eine Sache geschehen ist,
verstehen sie auch die Narren.

In der Pfalz hatte man wenig Hoffnung auf die Belehrbarkeit der Narren und formulierte deshalb: „...schickt man se an de Rhei(n), falle se ennei (hinein)“. Etwas mehr Hoffnung macht der folgende Kinderreim:

Man schickt am 1. April
den Ochsen, wohin man will;
oft auch am 1. Mai
den Ochsen in das Heu.
Schickt man ihn nah,
ist er gleich wieder da;
schickt man ihn weit,
so wird er gescheit.

Ungleich zahlreicher noch als die Spottverse über den Aprilnarren sind Reimsprüche über den Narren überhaupt.

Entschädigung für den Aprilnarren

Wer einen anderen in den April geschickt hat, muss sich nachher nicht für sein Tun entschuldigen. Trotzdem scheint es in einer Vielzahl von Fällen dazu gehört zu haben, nach vollbrachter Tat das Opfer zu entschädigen – durch eine Einladung auf ein Glas Bier, ein Gläschen Schnaps oder einen Schoppen Wein. Wer so wieder in die Gemeinschaft einbezogen wird, wer in dieser Runde sich über seine eigene Narrheit wundern kann, wer sich von anderen erzählen lässt, wie sie selber einmal hereingelegt wurden, der lässt sich eben leichter wieder in die Rolle eines Normalen zurückführen. Sichergestellt wird so: Der Aprilnarr ist ein Narr auf Zeit, einer, der sein Narrsein als närrisch erkennt und keinesfalls ein Narr bleiben will.

Zum Ursprung des Aprilscherzes

Erklärungsversuche zum Ursprung und Sinn des Aprilscherzes gibt es viele:

  1. Das trügerische und wetterwendische Aprilwetter soll der Anlass sein.

Dies ist aber wenig wahrscheinlich, weil der Brauch in Gegenden beheimatet ist, in denen die Wetterlage im April stabil ist.

  1. Das Herumschicken Jesu Christi „von Pontius zu Pilatus“ am Tag seiner Verurteilung, der ein 1. April gewesen sei, wird ebenfalls benannt.

Weil aber Einfältige und Dumme Objekte des Aprilscherzes sind, kann man sie wohl kaum mit Jesus Christus gleichsetzen.

  1. Der 1. April sei der Geburtstag des Judas Iskariot, des Verräters Jesu. Deshalb sei aus der für alte Zeiten vermuteten Schadensvermeidung an diesem Unglückstag das Treiben von Schabernack geworden.

Auf diese Erklärung kommen wir gleich noch zurück.

  1. Vermutet wird auch die Herleitung von den Quirinalia, dem Narrenfest der Römer, oder dem altindischen Hulifest, bei dem, wie in der alemannischen Fastnacht, der Winter und seine Dämonen durch Narren vertrieben wird.

  1. Gerne wird auch auf den Reichstag 1530 zu Augsburg verwiesen. Hier sei ein besonderer Münztag für den 1. April festgelegt worden, um Ordnung in das Münzwesen zu bringen. Der 1. April wurde zu einem Spekulationstermin. Als aber der Münztag nicht stattfand, wurden die Spekulanten verspottet und der 1. April zum Narrenfeiertag.

  1. Angeblich habe an einem 1. April eine sechszehnjährige Unbekannte Heinrich IV. (1553 – 1610), König von Frankreich, der sich jungen Damen gegenüber stets etwas zu geneigt zeigte, mit einem Briefchen um ein heimliches Rendezvous in einem abgelegenen Lustschlösschen gebeten. Als der König zum Tête-à-Tête erschien, wurde er überraschend vom gesamten Hofstaat unter Anführung seiner Gattin Maria de Medici begrüßt, die sich bei ihm ironisch-untertänigst dafür bedankte, dass er der Einladung zum „Narrenball“ gefolgt sei.

  1. Ein möglicher Brauchursprung soll sich in den heutigen Niederlanden während des Achtzigjährigen Freiheitskrieges der Holländer ereignet haben. Der auf Burg Brill residierende spanische Statthalter Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba, sei an einem 1. April in Abwesenheit von Freibeutern (Likedeelers) vertrieben worden. Unsere ostfriesischen Vettern drehten ihm begeistert eine Nase hinterher und dichteten: „Am 1. April verlor Alba sein Brill!“

  1. Nicht unwahrscheinlich klingt die Erklärung, die im Aprilscherz Reste eines Frühlingsbrauches, wie die Fastnacht, erkennt. Der Aprilnarr, der sich überall hinschicken lässt, steht für den machtlos gewordenen Winter, mit dem der seine Herrschaft antretende Sommer tun kann, was er möchte. Und wenn das Hauptmerkmal der Aprilscherze die Täuschung ist, dann könnte diesem heutigen Kinderbrauch ein kultischer Frühlingsbrauch zugrunde liegen, wie er sich in den Quirinalia und dem Hulifest nachweisen lässt. Hingewiesen wird auf die Täuschung des Kronos durch Rhea-Kybele, die dem Kinder fressenden Gatten statt des neugeborenen Zeus einen in Ziegenfell gewickelten Stein reichte. Erinnert wird an die Edda, in der der Winterriese Thrym durch den als Freya verkleideten Thor getäuscht wird. Zu Ehren der Venus wurde in der Antike im Frühling ein Täuschfest gefeiert. Ihr war auch der 1. April geweiht, und sie führte deshalb den Beinamen „Aprilis“. Auch der Name der indischen Liebesgöttin Maja, Gemahlin des Brahma, hat die Bedeutung von „Täuschung“. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass der heutige kindliche Scherzbrauch ursprünglich eine erotische Komponente hatte.

Humoreske zum 1. April aus den USA

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Allen Erklärungsversuchen gemein ist, dass sich der Brauch nicht unwiderlegbar zuweisen lässt. Von den benannten acht scheint mir der Hinweis auf das Frühlingsbrauchtum nicht unwahrscheinlich zu sein. Hypothetisch sei mir aber auch die religiöse Erklärung zu erläutern gestattet.

Der 1. April war unter den von Kaiser Augustus anerkannten Unglückstagen der schlimmste, warum auch immer. Ein so über Jahrhunderte akzeptierter Unglückstag ließ sich von den späteren Christen, die ja nicht weniger, aber nur anders abergläubisch waren, nicht mir dieser Begründung übernehmen. Es gab also eine neue religiöse und zum Christentum passende Erklärung: Es ist der Geburtstag von Judas Iskarioth, um nur diese Variante zu wählen. Mit diesem behaupteten Faktum verbunden wird die Folgerung: Wenn Judas Iskarioth an so einem Tag Geburtstag hat, kann das nur ein Unglückstag sein. Ein Unglückstag ist ein Tag, an dem der Teufel alle Macht hat. Hat er sie, versucht er an diesem Tag alle die, die noch die Seinen sind, zu fangen. Die Seinen dagegen sind sicher: Warum sollte er sie ein zweites Mal umgarnen? Die ihm Verfallenen, also diejenigen, die Gott leugnen, sind durch Narrheit gekennzeichnet (Psalm 53). Schlussfolgern kann man also: Wer sich als Narr ausgiebt, ist am 1. April vor den Anfeindungen des Teufels geschützt.

Stimmt diese Hypothese, dann ist der Aprilnarr im Mittelalter ein selbst gemachter Narr, der sich vor der Macht des Teufels an diesem Tag zu schützen sucht.

Der Aprilscherz als eine Methode der Aufklärung?

Amerikanischer Humor zum 1. April

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Lassen Sie mich bitte diese Erklärungsversuche mit einem weiteren Akzent versehen. Es fällt auf, dass der Aprilscherz Ende des 18. und im 19./20. Jahrhundert eine Art pädagogischer Zeigefinger-Charakteristik annimmt. Der Aprilnarr macht sich nicht mehr selber und direkt zum Narren, sondern er wird dazu gemacht. Der Aprilscherz wird oberlehrerhaft, indem er den Naiven ihre Naivität öffentlich vorführt. Die - meist jugendlichen - Nasgeführten werden bloßgestellt wie die Schüler, die mit Eselsohren „geschmückt“, einer Eselsmütze bekleidet oder auf einen Holzesel gehievt wurden. Hier sind es nicht mehr Schüler, sondern Lehrlinge, Auszubildende, die mit Absicht, mit pädagogischer Absicht, blamiert werden. Und derjenige, der die Naiven zum Narren macht, ist der vermeintlich Gebildete, der Lehrer, der Meister, der Professor.

Diese Form des „April Schickens“ könnte, so will ich es einmal hypothetisch formulieren, ein Ritual der Bildungsbürger sein, das sich auf der Hintergrundfolie der erfolgten Aufklärung darstellt. Ein Narr ist nun der Trottel, der Tropf, der Herr von Dummbach zu Schafhausen, der sich als zeitunangepasst und unaufgeklärt erweist, indem er sich dem Erkenntnisstand seiner Zeit verweigert. Der Aprilnarr ist so der Ewiggestrige, einer, der nicht auf der Höhe der Zeit ist, der überholten Phantasien nachhängt, sich leicht ins Bockshorn jagen lässt. Und im sicheren Wissen um die eigene Gelehrsamkeit, mag sie auch noch so dünn sein, gestattet sich dieses Bildungsbürgertum, den vermeintlich Dummen öffentlich und zur Abschreckung als Trottel vorzuführen, damit man nicht wird wie jener. Der Aprilnarr könnte auch der Aprilnarr früherer Zeiten sein: Einer, der an überholtem Aberglauben festhält und durch einen Aufgeklärten nachhaltig aufgeklärt werden muss.

Der Aprilscherz und die Religion

Das Judentum kennt einen Brauch zum 1. April nicht. Aber bis zum Islam ist der Aprilscherz inzwischen vorgedrungen, denn der saudi-arabische Groß-Mufti Sheik Abdul Aziz bin Abdullah Al al-Sheik appellierte an alle Muslime, sich nicht an Aprilscherzen zu beteiligen. Das Lügen sei Muslimen streng verboten. Davon gebe es nur drei Ausnahmen: Krieg, das Versöhnen von Menschen und die Ehrenrettung der Familie.

Innerhalb des Christentums ist der Aprilscherz bei den Katholiken unstrittig, natürlich solange niemand müssen muss. Theologische oder pastorale, ethische oder exegetische Gründe gegen diesen Brauch werden nicht geäußert.

Die evangelischen Geschwister sprechen nicht mit einer verbindlichen Stimme, so dass man nur die zitieren kann, die sich in der Sache äußern. Naturgemäß sind das viel weniger als wirklich eine Meinung dazu haben. Zumindest die Evangelische Landeskirche in Baden hat eine Meinung zum Aprilscherz geäußert und hält es für ein Ereignis auf einen „für die Kirchenjahreszeit reichlich unpassenden Tag“, in der eher unfröhlichen Zeit vor Ostern. Sie fragt sich, ob diese Terminierung ein humortechnisch perfektes Timing ist oder ein Affront gegen religiöse Ernsthaftigkeit. Und angesichts des „seltsamen Brauchs,“ Menschen in den April zu schicken, beruhigt man sich selbst: Nein, der Aprilscherz wird von (evangelischen) Christen  nicht als Affront empfunden und selbstkritisch wird resümiert, „obwohl uns [evangelischen] Christen oft eine gewisse Humorlosigkeit unterstellt wird. Und tatsächlich tun wir uns manchmal schwer mit diesem Thema.“ Nach etlichen Zeilen diffizilster Problembewältigung entringt es sich geradezu eruptiv der reformatorischen Seele: „Auf jeden Fall macht es Spaß, jemand anderen, ‚in den April zu schicken.’ Und es gibt keine biblischen Einwände dagegen.“ Gott sei Dank, schnauft hier der Katholik beruhigt auf, bereits gebeutelt von ökumenischen Verlustängsten, um erst dann den aus tiefster protestantischer Rhetorik gespeisten Schlusssatz zu lesen: „Allerdings [gibt es ] auch nicht sehr viel, was dafür spricht.“

Fazit

Amerikanische Glückwunschkarte zum 1. April

Archiv: Manfred Becker-Huberti

Aus subjektiver Sicht und ohne die Basis einer eingehenden Befragung wird man generalisierend feststellen dürfen, dass das „in den April schicken“ in der Form, wie es bis nach der Mitte des 20. Jahrhunderts üblich war, heute eher abnimmt. Heute schicken sich eher Kinder untereinander in den April – falls sie es überhaupt noch tun. Erwachsene schicken sich in den April, wenn sie sich kennen und necken. Das von Erwachsenen vollzogene Vorführen dummer Kinder/Lehrlinge/Azubis/Studenten scheint auszuklingen. Hinsichtlich des Aprilscherzes scheint man zu medial inszenierten Aprilscherzen übergegangen zu sein.

Ein entscheidender Transmissionsriemen für eine stärkere Agilität des Brauches fehlt in Deutschland: Es gibt beim Aprilscherz keine zu organisierenden Massenveranstaltungen, keinen Alkoholkonsum, keine vorgeschriebenen Festformen, die industriemäßig produziert und verkauft werden könnten oder auch nur eine Blumenschenkpflicht, die sich ausnutzen ließe. Selbst die in den USA unvermeidlichen Grußkarten zum „All fools’ day“ fällt in Deutschland aus. Die Kommerzialisierung des Aprilscherzes ist also nicht gegeben, weshalb er auch nicht vermarktet wird. Dazu beitragen mag wohl auch die Begründung für diesen Tag: An einen Unglückstag mag unsere abergläubische Gesellschaft sicher noch gerne glauben, dass sich dieser durch den nicht belegten Geburtstag eines Judas Iskariot ergebe, entzieht sich jedoch dem Verständnis des größten Teils unserer Gesellschaft.

Was bleibt, ist die Feststellung, dass das Phänomen „Aprilscherz“ bislang noch weitgehend unaufgearbeitet ist. Es bleibt noch viel zu tun!

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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